Europa überfordert sein Ansehen

Europa überfordert sein Ansehen

Europa nach dem zweiten Schengener Abkommen war ein Europa ohne Grenzen. Weniger als 26 Jahre nach dem Mauerfall, der das Ende der DDR markierte, werden wieder Zäune gezogen, Grenzen geschlossen und Menschen abgewiesen. Auch der Euro als gemeinsame Währung steht auf der Kippe. In Europa überall ohne Kontrolle hinzureisen, mit einer nur einer Währung zu bezahlen — der Traum scheint sich ausgeträumt zu haben. Noch gibt es in den europäischen Ländern das Recht, Wohnort und Arbeitsplatz frei wählen zu dürfen. Für wie lange noch?

Die Meldung der letzten Tage über die Schließung der Grenzen, auch in Deutschland, kamen mir vor wie ein böser Traum aus einer anderen Zeit. Seit Jahren hielt ich es für unmöglichen, dass Europa so weit hinter seinen eigenen Errungenschaften zurücktaumeln würde. Sind die Maßnahmen, so frage ich mich, alternativlos? Lösen sie etwas oder lösen sie nur Ängste aus und wecken gleichzeitig Begehrlichkeiten?

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Diskutiert wird quer durch alle Schichten und Berufsgruppen, ob Deutschland seine Belastungsgrenze in Bezug auf die aufgenommenen Flüchtlinge erreicht habe. Als ob es so etwas wie eine Belastungsgrenze bei Mitmenschlichkeit gäbe. Traut sich wirklich jemand der politisch Verantwortlichen, den Flüchtlinge persönlich zu sagen, dass man sie zurück in Elend und Tod schicken wird?

Einfach immer nur wegsehen bei Konflikten wie in Syrien funktioniert nicht — vielleicht kommt das jetzt endlich mal an. Ebenso kann es keine Lösung sein, die Grenzen zu verschließen um das Elend draußen vor der Tür zu lassen. Leider, und das ist die andere Seite, müssen wir uns auch ernsthaft fragen, wie wir als Gesellschaft mit den Flüchtlingen umgehen wollen. Die Antwort auf die Frage kann muss über kurzfristige Hilfe hinausgehen und hängt auch davon ab, wie lange die Flüchtlinge bei uns bleiben wollen. Sofern es dauerhaft sein soll, müssen wir Perspektiven schaffen. Wenn sie wieder zurück in ihre Heimat wollen, müssen wir dafür sorgen, dass diese wirklich sicher ist.

Wenn auf europäischer Ebene über eine Kurskorrektur diskutiert wird, sollte Bestandteil dieser Kurskorrektur eine militärische Intervention sein. Ich weiß, dass ist ein heikles Thema und gerade in links-alternativen Kreisen hört man so was alles andere als gerne. Europa und muss sich aber in dieser Hinsicht seiner Verantwortung stellen. Sanktion gegen Syrien haben, wie wir sehen, keinen Erfolg gebracht. Oder aber sie waren nicht konsequent genug. Wobei, mittlerweile heisst das Problem in Syrien nicht nur Assad, sondern aus IS. Und Steinzeitfundamentalisten werden sich wohl kaum von irgendetwas anderem als pure Waffengewalt beeindrucken lassen.

Zurück aber zu Europa und den Grenzschließungen. Die Art und Weise, wie Ungarn als Staat mit Flüchtlingen umgeht ist genau so wenig akzeptabel wie die Weigerung einiger osteuropäischen Mitgliedsstaaten, über eine Aufnahmequote auch nur nachzudenken.

Im europäische Gedanke steckte ursprünglich Solidarität. Auch aus den eigenen leidvollen Erfahrungen mit Krieg und Vertreibung. Europa könnte noch mehr Flüchtlinge aufnehmen und würdevoll unterbringen, wenn die Aufgabe gerecht verteilt wird. Wer sich als Staat dem verweigert, gehört meiner Meinung nicht mehr zur EU dazu.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren