Der Pendler als Streber

Der Pendler als Streber

„Über zehn Jahre“ kann ich mittlerweile antworten wenn ich gefragt werde, wie lange ich bereits aus beruflichen Gründen pendle. Die Zeit im Zug ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Mit dem Erwerb der bahn.card 100 und den Wechsel auf den ICE als bevorzugtes Verkehrsmittel gehörte ich am Anfang auch zu denjenigen, die bereits im Zug fleißig für ihren Arbeitgeber tätig waren.

Da man ja mit zunehmen Reife auch an Erfahrung gewinnt (oder zumindest gewinnen sollte), habe ich dann irgendwann diesen Blödsinn sein gelassen. Die Fahrzeit ist keine Arbeitszeit — man bekommt sie nämlich nicht bezahlt. In all den Jahren bin ich auch noch keinem Mitreisenden begegnet, bei dem das zu traf. Dennoch sehe ich jeden Morgen (und auch abends) viele Reisende im Zug sitzen, die fleißig was in ihr Notebook tippen, wichtige Telefonate führen und Geschäftspapiere durchgehen.

KarinKarin / Pixabay

Mich erinnert das sehr stark an die Mitschüler von früher, die erst unterwegs im Bus ihre Hausaufgaben gemacht haben. Mit dem Unterschied, das nicht mal die Streber auf die Idee gekommen wären, auf der Heimfahrt die Aufgaben für den nächsten Tag zu erledigen.

Den Artikel bei t3n online, „Die besten Tipps für Pendler: So nutzt ihr die Zeit für einen Vorsprung im Job“ fand ich im ersten Moment amüsant. Beim zweiten lesen allerdings eher traurig. Es sind überwiegend Tipps, wie man die Zeit unterwegs zur gnadenlosen Selbstausbeutung nutzt. Vorsprung zum Burnout, sozusagen.

Das der insbesondere lange Weg zur Arbeit Stress bedeutet, ist eine Binsenweisheit. Das kann einem ganz ohne Wissenschaftliche Studie jeder Pendler erzählen. Der Stress entsteht dabei durch Lärm, Mitreisende und den ewigen Kampf um einen Sitzplatz. Gewürzt wird das dann noch durch Verspätungen und Zugausfälle.

Man soll unterwegs etwas sinnvolles lesen, am besten um sich weiterzubilden, empfiehlt Lea Weitekamp. Ganz großes Kino. So was sorgt für keinen Vorsprung, sondern für mehr Stress. Genau so wie die Tipps, mit dem Brainstorming bereits unterwegs anzufangen oder den Tag zu planen. E-Mails abzuarbeiten fällt in die gleiche Kategorie. Wer ist man denn, Mensch oder Sklave seiner Arbeit?

Podcast und Audiobooks hören geht, zumindest meiner Erfahrung nach, nur dann, wenn es im Abteil wirklich ruhig ist. Andernfalls hat man nämlich den Sprecher im Ohr und die rings um einen zusätzlich. Die Konzentration, um das voneinander zu trennen beziehungsweise zu filtern führt, natürlich, zu Stress.

Bei ihrem letzten Tipp, dem unterwegs telefonieren, ist die Autorin etwas umsichtiger. Natürlich sollte man bei so was vorsichtig sein. Wobei rücksichtsvoll hier angemessener wäre. Im Übrigen nervt das mobile Plaudern nicht nur im Ruheabteil des ICE, sondern auch im restlichen Zug — die meisten Zeitgenossen erliegen nämlich dem Irrtum, die Distanz zum Gesprächsteilnehmer ließe sich am besten durch entsprechende Lautstärke überbrücken.

Was ich aus meiner langjährigen Erfahrung empfehlen kann, sind nur drei Tipps. Macht die Augen zu und ruht euch etwas aus (aber auf die Wertgegenstände achten…), lest einen Roman (oder ein Sachbuch, welches nicht, rein gar nichts mit eurer Arbeit zu tun hat) oder aber unterhaltet euch mit dem Sitznachbarn — so ein Zug ist eine verdammt gute Möglichkeit, neue nette Menschen kennenzulernen.

One Reply to “Der Pendler als Streber”

  1. Ich stimme dir voll und ganz zu!

    Seit mehr als 15 Jahren Pendel ich zwischen 30 und 100 Kilometer (einfache Strecke). Gemischt, entweder mit dem Auto oder der Bahn.

    Beim Autofahren bin ich auf Hörbücher für dir längeren Strecken, Radio bei kurzen. Im Zug sogenannte trivial Literatur oder mit Musik auf den Ohren schlafen. Auf längeren Strecken und Abends dann vielleicht das Gespräch mit Mitreisenden. Oft kombiniert mit dem Feierabendbier und anschließendem Visitenkarten Tausch.

    Aber den Prozess habe ich bei mir auch beobachtet. Initial wollte ich die Zeit im Zug zum Arbeiten nutzen. Die Ernüchterung das man nicht überall Internet hat und man mehr damit beschäftigt ist welches zu bekommen als etwas zu machen setzte schnell ein. Dann wollte ich mir die Zeit mit Filme sehen vertreiben, aber das Nachschub besorgen wurde dann zum Stress.

    Wobei auch gerade es einen Unterschied macht ob man RE oder ICE fährt. Erstes ist der Schweinetransport, zweites gerade akzeptabel wenn man vor dem Start oder am Ende der Reise dann auch schnell am Ziel ist. Tödlich ist es wenn nach 1 Stunde Zug fahren noch eine Stunde Bus kommt …

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren