Würde Merkel anders streicheln?

Würde Merkel anders streicheln?

Es gibt Themen, bei den jeder Versuch einer sachlichen Argumentation einem Manövrieren im Minenfeld gleichkommt. Wie sich das dann anfühlt, kann wohl derzeit Till Schweiger ganz gut beurteilen. Er hatte auf Facebook zur Solidarität mit Flüchtlingen aufgerufen. Allein schon nachträgliche die These aufzustellen, dass die Reaktionen eines Teils seiner Fans vorhersehbar gewesen sind, ist ebenfalls ein Schritt in besagtes Minenfeld. Anders gesagt, man kann sich derzeitigen über Flüchtlinge nur äußern, wenn man es mag auf die Nase zu fallen. Egal was man sagt, von der einen oder anderen Seite wird einem Empörung entgegen schlagen.

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Fatalerweise ist es auch noch ein Thema, bei denen Schweigen das einzig völlig unangebrachte ist. Schweigen schaden allen. Genau so schädlich sind unbeholfene Reaktionen, wie die von Bundeskanzlerin Merkel, als sie bei einer öffentlichen Veranstaltung einem Flüchtlingsmädchen über die Schulter streichelte. Das Mädchen hatte angesichts der ihr drohenden Abschiebung angefangen zu weinen, zudem hatte die Bundeskanzlerin erklärt, Deutschland könne nicht alle Menschen aufnehmen. Einige müssten halt auch wieder gehen — zurück in ihre frühere Heimat.

Ebenso wie über Till Schweiger erwischte Angela Merkel daraufhin eine Welle der Empörung. Kaltherzigkeit wurde ihr vorgeworfen. Trifft das wirklich zu?

Es ist vergleichsweise einfach, wenn man über viel Geld verfügt und ein vergleichsweise bequemes Leben führt, zur Solidarität aufzurufen. Jemand wie Schweiger wird wohl kaum, den Gürtel enger schnallen, in einer überfüllten 40 qm2 Wohnung sein Bett mit verfolgten Menschen aus Syrien und den Libanon teilen. Seine Berühmtheit und seinen Reichtum darf man ihm jedoch nicht Vorwurf machen, denn das würde zu eine Debatte führen, die sich in eine völlig falsche Richtung entwickelte. Solidarisch dürfe am Ende nur der sein, den die wie auch immer definierte Allgemeinheit dafür als würdig erachtet. Letztendlich ergäbe das einen Widerspruch zu dem, was mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner zum Ausdruck gebracht wird.

Natürlich kann man leichter geben, wenn man hat. Das macht das Geben in diesem Fall aber weder verwerflich noch minderwertig. Selbstverständlich hat auch Till Schweiger das Recht, sich auf seine Weise zum Thema Flüchtlinge zu Wort zu melden. In meinen Augen hat er dadurch mehr Respekt verdient als durch seine Filme — die ich nicht mag.

Bei Angela Merkel fällt es leicht, den ersten Stein zu werfen. Besonders denjenigen, die sich einem bestimmten politischen Lager oder einer Haltung, Weltanschauung zurechnen. Genauer betrachtet hat Angela Merkel aber so reagiert, wie sie reagiert hat. Als Mensch, als Person und als Politikerin. Eine „angemessene“ Reaktion gab es nicht in der Situation. Hätte sie etwa Versprechungen machen sollen? Ausnahmen für einen Menschen, während andere Menschen, auf denen nicht die Kameras gerichtet waren, weiterhin abgeschoben werden? Angela Merkel ist, das rechnen ich ihr positiv an (und ich bin wirklich kein Fan von ihr) sachlich geblieben. So sachlich, wie es ihr möglich war. Politik zu machen heisst auch, Verantwortung zu tragen. Und die verträgt sich leider verdammt schwer mit Ausnahmen. Das Wissen im Übrigen auch die Politiker anderer Parteien, nicht nur, wenn es um Flüchtlinge geht, sondern auch bei anderen Themen. Terrorismus zum Beispiel, wenn an der Maxime, nicht mit Terroristen zu verhandeln selbst dann festgehalten wird, wenn das Leben eines Arbeitgeberpräsidenten akut bedroht ist.

Zurück zu den Flüchtlingen. Es wird nichts geben, was allen schmecken wird. Jede politische Entscheidung ist und wird für die eine oder andere Seite bitter sein. Mir fällt auch keine Patentlösung ein. Die populistische Schiene, auf der Horst Seehofer gerade auf Kosten der Flüchtlinge fährt, ist genau so eine Sackgasse wie die bedingungslose Öffnung der Grenzen für alle.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren