Nur eine Stunde — Teil XIV

Nur eine Stunde — Teil XIV

Vera war unterdessen aufgesprungen.

“Was ist mit meinem Sohn, wo ist Tim?”

Schwendt war dankbar, dass Kröger übernahm.

“Frau Wegmann, wir haben ihren Sohn noch nicht gefunden. Die Kollegen kümmern sich aber darum.”

“Kümmern? Was ist, wenn Tim schon längst tot ist? Worum wollen sie sich dann kümmern?”

“Beruhigen Sie sich doch bitte wieder.” Kröger war trotz seiner Berufserfahrung mit der Situation überfordert. Das alles ging ihm viel zu nah. Vielleicht wäre es doch besser, sich für die Zeit bis zur Pension in den Innendienst versetzen zu lassen. Sein Ding war das zwar nicht, er fühlte sich draußen wohler, aber so was wie heute wollte er nicht noch mal erleben.

“Tim ist tot.Tot.Tot.” Frau Wegmann war völlig außer sich.

Polizeianwärterin Schwendt wollte ihr den Arm auf die Schulter legen, auf sie besänftigend einwirken. Die jedoch zuckte zurück, als hätte man ihr einen Stromschlag verpasst. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Eben hatte sie noch zerbrechlich und unendlich verletzt gewirkt. Jetzt hatte sie ihre Augenlider leicht zusammengekniffen, die Augen nach oben gezogen. Ihre Hände versteiften sich. Es sah aus, als ob sie jeden Moment nach etwas greifen würde. Nach der Vase im Flur, schlimmer noch, nach dem Hals der Polizistin. Das Klingeln an der Tür rettete die Situation, riss alle drei aus einem bösen Traum heraus. Kröger war zuerst an der Tür.

„Gut dass sie da sind.“

Sowohl Notarzt als auch der Psychologe waren Kröger bekannt. Nach einer kurzen Begrüßung machte er ihnen den Weg frei. Schwendt und Wegmann standen sich noch immer gegenüber, jedoch hatte Frau Wegmann ihre Arme runter genommen. Teilnahmslos hingen sie an ihrem Körper herab. Ohne zu protestieren, ließ sie sich vom Notarzt ins Wohnzimmer führen. Der Psychologe wurde von Schwendt kurz über die Situation aufgeklärt. Bereitwillig krempelte Frau Wegmann am linken Arm die Bluse hoch, damit ihr der Arzt ein Beruhigungsmittel verabreichen konnte. Der Psychologe würde gleich mit ihr reden und zusammen mit dem Arzt das weitere Vorgehen besprechen. Kröger setzte sich in der Küche an den Tisch. Für das Einsatzprotokoll wollte er sich schon mal Notizen machen. Kollegin Schwendt spürte ihre Blase. Anstrengung und Aufregung machten sich bemerkbar. Sie ging ins Wohnzimmer rüber zu Frau Wegmann.

„Frau Wegmann dürfte ich wohl kurz ihre Toilette benutzen?“

Im Grunde war ihr das peinlich, ließ sich aber nicht vermeiden. Frau Wegmann hatte sich beruhigt, wirkte aber schon etwas benommen vom Medikament. Kurz erklärte sie Schwendt, wo sich das Gäste-WC befand. Die Treppe runter im Keller. Schwendt stieg die Stufen herab und sah sich um. Welche Tür die richtige war, vermochte sie nicht zu erkennen. Sie nahm daher gleich die erste, drückte die Klinke herunter. Nicht verschlossen. Im Raum brannte Licht, aber es war offensichtlich nicht die Toilette, sondern der Hauswirtschaftsraum. Neben dem Bügelbrett stand ein großer Korb mit Wäsche. Weiter hinten lag noch ein Haufen mit Decken. Schwendt stutzte.

Alles war so ordentlich, akkurat ausgerichtet. Die Decken passten nicht nicht zum Rest. Sie sahen aus, als ob sie in großer Hast dort hingeworfen worden wären. Ihr dringendes Bedürfnis vergessend betrat sie den Raum. Sie ging rüber zu den Decken. Unter der obersten wölbte sich etwas. Etwas, was die Umrisse von – aber das konnte nicht sein, durfte nicht sein. Schwendt zog die Decke weg und ließ sie sofort los. Entsetzt hielt sie sich die Hand vor den Mund. Mitten in dem Haufen Decken lag der regungslose Körper eines kleinen Jungen. Sein Gesicht fühlt sich kalt an. Für Schwendt bestand kein Zweifel, dass der Junge der vermisste Tim war. So wie er da lag, hätte sie fast geglaubt, der Junge würde nur schlafen. Dagegen sprach aber alles Andere. Oben war immer noch der Notarzt, aber Schwendt wusste, dass er hier nichts mehr machten konnte. Das hier müssten jetzt die Kollegen von der Spurensicherung übernehmen. Langsam ging Schwendt die Treppe wieder hoch.
In einer Hinsicht hatte Frau Wegmann recht gehabt. Tim war wirklich tot. Herr Wegmann war jetzt nur noch ein möglicher Zeuge.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren