Nur eine Stunde — Teil XIII

Nur eine Stunde — Teil XIII

Nina Schwendt fühlte sich erleichtert. Der verständigte Psychologe hatte sich von unterwegs noch mal gemeldet, da er gerade im Stau stand. In wenigen Minuten würde er eintreffen. Höchste Zeit, denn sie fühlte sich mit Frau Wegmann überfordert. Ihr fehlten die medizinischen Kenntnisse, aber sie hätte darauf gewettet, dass Wegmann gerade einen Nervenzusammenbruch hatte. Schwendt selber war zwar immer noch davon überzeugt, dass Tim weder entführt noch ermordet worden war, aber die Mutter schien das zu glauben. Nachdem, was sie alles über ihren Ex-Mann erzählt hatte, kam es Schwendt auch nicht unwahrscheinlich vor. Aber es war eben nur eine Möglichkeit. Als Polizistin war es ihre Aufgabe, erstmal alles anzunehmen und nur die Sachen auszuschließen, die nachweisbar nicht zutrafen. Solange also galt Herr Wegmann nicht als Täter, nicht mal als Verdächtiger, sondern lediglich als Zeuge, den man befragen wollte.

Vera Wegmann saß auf dem Sessel wie ein zusammengesunkenes Häufchen Elend. Ihr Kopf war leer, ihre Arme und Beine fühlten sich taub an. Der Tag wäre anders verlaufen, wenn Martin heute nicht Tim abgeholt hätte. Alles würde anders laufen, wenn Martin Tim nie wieder abholen würde. Ihn zu sehen, bliebe ihr erspart. Immer wieder an ihre Ehe erinnert zu werden schmerzte. Tim um sich zu haben, reichte aus, um ihr jede Stunde des Tages zu verdeutlichen, dass es mal so etwas wie Liebe zu Martin gegeben hatte. Sie etwas füreinander empfunden hatten. Tim war kein Unfall gewesen. Gewollt hatte sie ihn trotzdem nicht. Obwohl sie wusste, dass sie es nicht tun sollte, knibbelte sie wieder an ihren Fingernägeln. Kaute ab, bis aus dem entzündeten Nagelbett Blut kam. Schmerz. Der Schmerz riss sie zurück, auch wenn er nicht stark genug war. Für sie hätte es mehr sein können. Stark genug, um alles zu vergessen. Sie schaute auf.

Im Flur standen immer noch die beiden Polizeibeamten und redeten miteinander. Vera hörte hin, was sie sprachen, was sie versuchten, vor ihr zu verbergen.

“Die Kollegen haben Herrn Wegmann gerade auf dem Parkplatz vorm Stadion aufgegriffen.” Kröger zögerte einen Moment, bevor er weitersprach. “Alleine.”

Nina Schwendt war klar, was das bedeutete. Tim war nicht bei ihm gewesen. Kröger trat näher an seine Kollegin heran.
“Sie haben nichts gefunden, außer einem Luftballon. Der Vater streitet alles ab, behauptet, er hätte seinen Sohn zu Haus abgegeben.”

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren