Nur eine Stunde — Teil XII

Nur eine Stunde — Teil XII

Martin sah die Polizisten auf dem Parkplatz, dachte sich aber nichts weiter dabei. Polizeipräsenz während und nach einem Fußballspiel waren schließlich nichts Neues. Stutzig wurde er erst, als die beiden in seine Richtung blickten. Vielleicht war es besser, einfach weiter zu gehen bis zur Straßenbahnhaltestelle. Während Martin noch die Möglichkeiten durchging, ohne jedoch stehen zu bleiben, sprach ihn Trebnick an.

„Herr Wegmann?“

Martin zuckte unwillkürlich zusammen.

„Ja?“

„Wir würden ihnen gerne ein paar Fragen stellen.“ Trebnick ging auf Wegmann zu, während sein Kollege Uden sich im Hintergrund hielt. Offensichtlich war Wegmann allein, ohne seinen Sohn.

„Wissen sie, wo sich ihr Sohn Tim gerade befindet?“

„Zu Hause, bei seiner Mutter, natürlich.“

Uden trat an den Kofferraum des Wagens heran.

„Hätten Sie etwas dagegen, den Kofferraum zu öffnen?“ Ein hässlicher Verdacht machte sich in seinem Kopf breit. Ein totes Kind im Kofferraum, während sich der Täter in aller Ruhe ein Fußballspiel angesehen hat. Manche Menschen waren eiskalt und gefühllos.

Martin griff in seine Jackentasche, um den Schlüssel hervor zu holen. Trebnick spannte seine Muskeln an. Uden ließ sich dagegen seine Nervosität nicht anmerken. Sich der Situation bewusst, zog Martin langsam den Schlüssel hervor. Kaum aus der Jacke, entglitt er ihm. Mit einem Schritt stand Trebnick vor Wegmann und hatte seinen Fuß auf dem Schlüssel.

„Warten Sie, ich mach das schon.“ Er hob den Schlüssel auf, wohl wissend, dass Uden hinter ihm stand.

Martin rührte sich nicht. So viel Aufregung, nur weil er vielleicht ein Bier zu viel getrunken hatte. Aber was sollte die Frage nach Tim? Trebnick kam wieder hoch und ging mit dem Schlüssel zum Kofferraum. Uden ließ währenddessen Wegmann nicht aus den Augen.

„Sie gestatten doch?“

Noch bevor er eine Antwort bekam, hatte er den Kofferraum bereits aufgeschlossen. Trebnick machte sich auf einen unschönen Anblick gefasst. Außer einem leeren Kasten Mineralwasser, ein paar dreckiger Gummistiefel und einem gebündelten Stapel Prospekte befand sich nichts weiter im Kofferraum. Er sah rüber zu Wegmann.

„Herr Wegmann, wo ist ihr Sohn?“

„Ich habe ihnen doch gerade gesagt, dass er bei seiner Mutter ist. Ich habe ihn vor über einer Stunde dort abgegeben.“

„Die Mutter von Tim hat das Gegenteil ausgesagt. Tim ist nicht bei ihr angekommen.“

Über den Parkplatz kamen zwei Kollegen der Schutzpolizei herüber. Uden war erleichtert. Die erfahreneren Kollegen würden sich jetzt um die Angelegenheit kümmern.

„Fragen sie doch Karl Hoppe, er hat gesehen, wie ich Tim nach Hause gebracht habe.“

Karl würde das bezeugen können, da war sich Martin sicher. Als Martin Tim wieder in Veras Obhut übergeben hatte, stand Karl schon vor der Haustür mit seinem Fan-Schal. Zusammen waren sie dann zum Stadion gefahren. Dann fiel Martin ein, dass Karl auf irgendeiner Feier war. Warum hatte Vera überhaupt behauptet, dass er Tim nicht nach Hause gebracht hatte? Dabei war er trotz der nur einen Stunde Zeit auf die Minute pünktlich gewesen. Von hinten hörte Martin eine Stimme.

„Herr Wegmann, würden sie uns bitte begleiten?“

Dann ging alles sehr schnell. Martin hielt das ganze mittlerweile nicht mehr für ein Missverständnis. Langsam wurde ihm klar, worum es ging.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren