Nur eine Stunde — Teil IX

Nur eine Stunde — Teil IX

Kröger neben ihr schwieg, schien wohl mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Tatsächlich dachte der gerade an sein letztes Jahr vor der Pension, die Holzhütte im Schrebergarten, die er morgen streichen wollte, den Eintopf mit frischen Bohnen, den seine Frau kochen würde und natürlich an das Heimspiel vom Fußballclub. Das alles hier war ihm immer noch viel zu viel Stress. Dabei hatte er sich extra in diesen Bezirk versetzen lassen. In so einer Reihenhaussiedlung, was soll da schon außer Einbrüchen passieren, hatte er zu seiner Frau gesagt. Und jetzt das, ein verschwundenes Kind, so alt wie eines seiner Enkelkinder. Schwendt war es dann, die zuerst reagiert.

„Frau Wegmann, beruhigen Sie sich doch bitte erst mal.“

Ihr kam das furchtbar blöd vor, so was zu sagen. Die Mutter vermisste ihr Kind und statt dass ihr jemand Trost spendete, musste sie sich Sätze anhören, die Schwendt in der Ausbildung gelernt hatte. Trotzdem blieb es nicht ohne Wirkung. Frau Wegmann schien sich zumindest ein Stück weit wieder im Griff zu haben.

Im Kopf von Vera summte es. Viele Stimmen nebeneinander, die alle zu ihr sprachen. Sie wollte sich die Ohren zu halten, wollte Ruhe, endlich Ruhe. Zögerte. Wunderte sich über die beiden ihr fremden Personen in ihrem Wohnzimmer. Sah, dass die junge Frau zu ihr sprach.

„Frau Wegmann, ist ihnen nicht gut? Sollen wir einen Arzt rufen?“

Nina Schwendt schaute rüber zu ihrem Kollegen Kröger. Der schien gerade wieder wach geworden zu sein, griff zu seinem Funkgerät, besann sich jedoch eines besseren und stand vom Sofa auf.

„Ich mache mal Meldung in der Leitstelle, die sollen jemanden vorbei schicken.“ Kröger entfernte sich aus dem Wohnzimmer Richtung Flur.

„Ist ja ganz durch den Wind.“ Worte, die wieder zu Vera vordrangen.

Der Mann war verschwunden, vor ihr saß nur noch die junge Frau. Tim. Wo war Tim? War etwas mit ihm passiert?

„Tim? Tim? Wo ist Tim?“

„Frau Wegmann, was ist mit ihrem Sohn?“

Vera wiegte den Kopf hin und her. Schluckte. Sie hatten zusammen Mittag gegessen, dass wusste sie noch. Dann hatte Martin angerufen. Wollte Tim abholen. Es war Samstag. Sein Samstag. Vera mochte es nicht, wenn Martin Tim abholte. Danach war Tim immer so durcheinander. Aufgekratzt, nicht ins Bett zu bekommen. Am Nachmittag war Martin dann mit seinem Auto dagewesen. Sie hatten sich wieder gestritten, vor Tim. Dann war er mit Tim weggefahren. Ja so war es. Sie hatte Tim im Auto noch hinterher gewunken. War dann ins Haus gegangen, hatte sich einen Kaffee gekocht und danach hingelegt. Vielleicht hatte sie den Kaffee auch erst nach dem Aufstehen getrunken.

„Was ist mit ihrem Sohn passiert?“ Die Frage der Polizistin riss Vera aus ihren Gedanken.

„Mein Ex-Mann hat ihn. Hat ihn heute Nachmittag abgeholt.“ Nur einen Moment zögerte sie noch, dann sprudelte es aus ihr heraus.

„Er hat Tim nicht zurück gebracht. Dabei darf er mit Tim nur eine Stunde alleine sein.“

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren