Nur eine Stunde — Teil VIII

Nur eine Stunde — Teil VIII

Schwendt sah sich im Wohnzimmer um. Bildbände im Regal, gepflegte Zimmerpflanzen, auf dem Couchtisch keine Fernsehzeitung. Es gab keinen Fernseher im Wohnzimmer, wie sie kurz darauf merkte. In einer auffällige Lücke stand eine Obstschale. Während Kröger sich bereits auf das Sofa gesetzt hatte, strich sie an der Regalfront entlang. Kein Staub. Hier wurde penibelst auf Sauberkeit geachtet. Im Gegensatz dazu stand die Terrasse. Über die Gartenmöbel war eine dreckige Plane gezogen. Die Pflanzen draußen sahen verwildert aus und der Rasen hätte dringend gemäht werden müssen. In der Plane hatte sich vom letzten Regen eine Pfütze gesammelt. Verloren auf der Wiese lag ein Spielzeugeimer und eine kleine Schaufel. Schwendt schaute noch mal genauer hin. Sie meinte, sich getäuscht zu haben. Neben der Schaufel lag tatsächlich ein blaues Ei im Gras.

Hinter sich hörte sie Schritte. Sie drehte sich um und setzte sich neben Kröger aufs Sofa. Der sah aus, als ob er gleich einschlafen würde. Ihm taten von der vielen Fußarbeit die Beine weh, schließlich war er auch nicht mehr der Jüngste. Kröger blinzelte. Schlechte Luft machte ihn immer schlagartig müde. Der Geruch von Duftöl in der Wohnung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier länger nicht mehr gelüftet worden war. Er musste sich zusammen reißen, um nicht einzuschlafen.

„Milch und Zucker dazu?“

Vera stellte vor Kröger einen Becher Kaffee ab. Dabei hatte er eben noch abgelehnt etwas zu trinken. Instinktiv musste Frau Wegmann geahnt haben, dass er einen Kaffee benötigte.

„Danke, Milch reicht.“

Auf dem Tablett, mit dem Vera ins Wohnzimmer gekommen war, stand ein Flasche frischer Vollmilch, Vorzugsmilch. Krögers Frau kaufte nur Tetrapacks und wäre wohl auch nie auf die Idee gekommen, die Milch für so was wie Kaffee ausgerechnet im Bioladen zu kaufen.

Schwendt griff zum Glas, kam aber nicht dazu, sich selber Wasser einzugießen.

„Mit oder ohne Kohlensäure?“

„Gerne mit.“

Vera goss ihr das Glas exakt zu zwei Drittel voll.

Für einen kurzen Moment schwiegen sich die Drei an. Vera rührte gerade den Zucker in ihrem eigenen Kaffeebecher um, als ihr wieder einfiel, warum die Polizei in ihrem Wohnzimmer saß. Der Löffel schepperte im Becher. Veras Hände zitterten. Gerade noch so schaffte sie es, den Becher auf dem Tisch abzustellen, ohne was zu verschütten.

„Tim, mein Tim“ brach es dann aus ihr hervor. Da waren auch wieder die Tränen. Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche hervor, wischte sich die Augen.

Schwendt wollte aufspringen und die Frau in den Arm nehmen, wusste aber bereits auf Grund ihrer bisherigen Ausbildung, dass das unprofessionell gewesen wäre.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren