Nur eine Stunde — Teil VII

Nur eine Stunde — Teil VII

Um 16 Uhr 20 ging ein Notruf in der Leitstelle der Polizei ein. Die Frau am anderen Ende des Telefons war völlig hysterisch, so dass der diensthabende Beamte Mühe hatte, sie zu verstehen. Beruhigend versuchte er auf sie einzuwirken. Zwecklos.

„Tim. Mein Ex-Mann hat ihn nicht zurück gebracht. Längst überfällig. Verschwunden. Diestelweg 32.“

Nach mehreren Anläufen hatte der Polizist die notwendigen Informationen zusammen. Über Funk verständigte er eine Streife der Schutzpolizei, die gerade in der Nähe der Reihenhaussiedlung war. Fünf Minuten später waren die beiden Beamten vor Ort.

Es klingelte an der Tür. Vera sprang auf und ging in den Flur, warf kurz einen prüfenden Blick in den Spiegel und strich sich die Haare aus der Stirn. Dann öffnete sie die Haustür. Vor ihr standen Polizeihauptmeister Arnold Kröger und Polizeianwärterin Nina Schwendt.

„Frau Wegman?“

Die junge Polizistin sprach Vera direkt an. Die war für einen Moment überrascht, denn sie hatte nicht mit einer Frau gerechnet. Vera schaute die beiden vor ihr stehenden Beamten kurz an, dann richtet sie ihren Blick, der langsam glasig wurde, zwischen die Beiden auf die andere Straßenseite. Sofort schossen ihr Tränen in die Augen.

„Ja?“, schluchzte sie.

„Sie hatten mit einem Kollegen telefoniert, weil ihr“ der Polizist blickte kurz auf seinen Notizblock „vierjähriger Sohn Tim nicht von seinem Vater zurück gebracht wurde, ist das richtig?“

Vera dreht sich zur Seite und machte den Eingang frei.

„Kommen sie doch bitte rein.“

Die beiden Beamten folgen Vera ins Haus. Aufgeräumt wirkte es, selbst das unvermeidbare Spielzeug im Hausflur stand in grader Linie an der Wand. Nur um etwas zu sagen, sprach Schwendt aus, was ihr offensichtlich erschien.

„Wohnen Sie hier alleine mit Ihrem Sohn?“

Vera stoppte in ihrer Bewegung, wollt sich erst umdrehen, besann sich dann doch eines Besseren. Sie fuhr sich mit den Zähnen über die Oberlippe, wartete bis sie im Wohnzimmer war, bevor sie sich umdrehte und antwortete.

„Zusammen mit meinem Sohn Tim. Sein Vater“ Sie unterbrach sich. „Kann ich ihnen etwas zu trinken anbieten?“

Kröger lehnte dankend ab, während Schwendt sich ein Glas Wasser erbat.

„Setzen sie sich doch, ich bin sofort zurück.“

Nach dem was ihm der Kollege mitgeteilt hatte, war Kröger davon ausgegangen, eine völlig aufgelöste Frau anzutreffen. Die hier sah eher aus wie eine perfekte Gastgeberin, wobei das, wie er wusste, auch täuschen konnte. Der Schock stellt merkwürdige Dinge mit den Menschen an.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren