Nur eine Stunde — Teil VI

Nur eine Stunde — Teil VI

Bis zu den Pinguinen ging es mit dem Eis gut. Dann fiel ein Stück davon auf den Boden. Martin war nicht schnell genug, Tim bückte sich, hielt dabei den Eisstiel nach unten, so dass auch das restliche Eis der Schwerkraft gehorchte. Nur einen Moment war es still. Martin hielt mitten in der Bewegung inne, konnte die Tiere und Menschen im Zoo hören. Dann begriff Tim, was passiert war und fing an zu weinen. Tränen vermischten sich mit Rotz, der sich bei Martins Versuch, Tim zu trösten, auf sein Hemd verteilte. Besonders vorteilhaft sah das nicht aus. Martin hielt Tim etwas fester.

„Hör jetzt sofort auf zu weinen!“

Seine Stimme war lauter geworden als beabsichtigt, er schüttelte Tim. Sein Weinen wurde schlimmer. Die ersten Leute drehten sich um. Die Gesichtsfarbe von Martin schaltet wie eine Ampel um. Ruckartig ließ er Tim los. Im Kopf Veras Stimme.

„Du bist doch sowieso mit Tim überfordert.“

Überfordert. Überfordert.

„Was bist du bloß für ein Vater? Bist du überhaupt ein Vater?“

Martin zwang sich, den Rest nicht weiter zu denken. Zwang sich, wieder runter zu Tim zu schauen, ein Taschentuch zu nehmen und ihm ein neues Eis zu kaufen. Ein Größeres, zum Trost. Tim konnte doch nichts dafür. Als Martin nach dem Eiskauf auf die Uhr blickte, war er leicht entsetzt. So spät schon. Weit waren sie noch nicht gekommen. Nur bis zu den Pinguinen und wieder zurück zur Eisbude. Der Weg zum Zoo war länger gewesen als er gedacht hatte.

„Mal wieder typisch für dich.“

Vera. Martin bekam sie einfach nicht aus dem Kopf. Zusammen mit Tim, seinem Eis und dem Luftballon machte er sich auf zu den Bären. Vor dem Gehege blieb Tim kurz stehen, drehte sich dann um.

„Will lieber Krokodile sehen!“

Vera hatte den Jungen völlig versaut.

„Dann gehen wir eben zu den scheiss Krokodilen.“ Martin biss sich auf die Zunge. Bevor Tim zu schreien anfangen konnte, zerrte Martin ihn weiter, Richtung Krokodile. Irgendwann würde er Vera alles heimzahlen.

„Aua Papa, du tust mir weh!“

Wenigstens hatte Tim nicht angefangen zu weinen oder zu schreien. Den Nachmittag mit Tim hatte sich Martin anders vorgestellt. Seine Gedanken tasteten nach etwas, auf das er sich freuen konnte. Das Fußballspiel. Er ließ die Hand von Tim los, der sofort an den Rand der Plexiglasabsperrung lief. Um besser sehen zu können, wollte Tim hochklettern, rutschte aber am Plexiglas ab.

„Papa hochheben!“

Martin hatte noch immer den Luftballon in der Hand, als sein Blick auf das Schild fiel. Besucher des Zoos wurden darauf hingewiesen, dass es untersagt war, Kinder auf den Arm zu nehmen. Alligatoren können blitzschnell zuschnappen. Noch lagen sie träge am Beckenrand und dösten vor sich hin. Ihm blieben noch zehn Minuten mit Tim.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren