Nur eine Stunde — Teil V

Nur eine Stunde — Teil V

Mit der Ruhe, die von Tim heute ausging, war es am Eingang zum Zoo vorbei. Unbedingt wollte er einen dieser Luftballons haben, ließ sich auch nicht dazu überreden, bis nach dem Zoobesuch zu warten. Es musste sofort ein Ballon sein. Einer, der aussah wie ein Bär mit einer Kapitänsmütze. Da Martin wusste, wie energisch Tim sein konnte, wenn es darum ging, seinen Willen durchzusetzen, kaufte er den Luftballon. Obwohl er ahnte, dass er wenig später und für den Rest der gemeinsamen Zeit den Ballon halten müsste. Schließlich konnte Tim nicht den Ballon halten und gleichzeitig Eis essen. Dass er ein Eis bekommen würde, war so sicher wie das Amen in der Kirche, auch wenn Martin schon lange ausgetreten war. Es sei denn, die Eisbude gleich hinterm Eingang rechts wäre verschwunden oder abgebrannt, oder schlimmer noch, hätte geschlossen.

Nichts von dem traf zu, Tim bekam sein Eis. Für Martin war es kein Wunder, weshalb Tim so wild auf Eis und andere Süßigkeiten war. Vera verweigerte sich strickt allem, was aus ihrer Sicht ungesund oder schädlich für Tim war. Deswegen hätte sie Martin am liebsten auch jeglichen Umgang mit seinem Sohn unterbunden.

„Du tust Tim nicht gut. Du hast einen schlechten Einfluss auf mein Kind.“

Immer wieder musste Martin sich solche Sprüche anhören. Tim. Vera. Vera. Tim. Darum drehte sich alles. „Und was ist mit mir?“ dachte Martin nicht zum ersten Mal. Seine Wünsche schienen belanglos zu sein. Martin sah an dem Luftballon hoch. Wie leicht es doch wäre, einfach los zu lassen. Genau darin lag eines seiner Probleme. Es hätte Konsequenzen. Tim würde den ganzen Zoo zusammen schreien, die Leute würden auf Martin zeigen was von „Rabenvater“ murmeln und der Junge würde erst wieder Ruhe geben, wenn Martin einen neuen Luftballon kaufen würde.

Einen Luftballon, den er genau wie den, welchen Martin jetzt in der Hand hielt, schon nach wenigen Minuten wieder ignorieren würde. Für Tim reichte es einfach aus, dass er da war. Alles Weitere schien nicht von Belang. Martin sah rüber zu Tim, der gerade an seinem Eis schleckte, völlig beschäftigt damit. Martin fühlte sich wie der Luftballon.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren