Nur eine Stunde — Teil IV

Nur eine Stunde — Teil IV

Das Haus befand sich in einer Spielstraße. Neben Veras Mahnung gab es demnach einen wirklichen Grund, langsam zu fahren. Martin hatte seinen Fuß über dem Gaspedal. Zögerte. Dann drückte er es voll durch. Von der Rückbank hörte er ein Jauchzen. Tim schien sein Fahrstil zu gefallen. Die wüsten Sprüche von Vera hörte er nicht, wusste aber, dass es in einer Stunde nicht besser geworden wäre, wenn er Tim zurück brachte. Vera würde sich wie immer in ihre Wut hineingesteigert haben. Martin schüttelte den Kopf, um diesen Gedanken zu vertreiben. Ganz gelang es ihm nicht.

Vera stand immer noch in der Tür und sah, wie der Wagen an der Hauptstraße kurz hielt, dann einbog und aus ihrem Blickfeld verschwand. Erst dann drehte sie sich um und weinte. Die Tür trat sie mit dem Fuß zu. So sollte sie keiner sehen, schon gar nicht Martin.

Im Auto hatte Martin die CD mit dem Bärenlied angemacht. Tim sang mit und klatschte den Takt dazu.

„Was meinst du Tim, wollen wir uns heute im Zoo Bären ansehen?“

„Jaaa!“

Die Antwort hatte er erwartet. Tim liebte Bären über alles. Als Vera versehentlich den großen Bären, den Martin ihm zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, mitgewaschen hatte und dem dann alle Haare ausgefallen waren, weinte er nicht. Tapfer wie ein Indianer, sein Sohn. Allerdings weigerte er sich, das Mittagessen, was Vera ihm gekocht hatte, zu essen. Sein Lieblingsessen, ein Friedensangebot. Schweigend saß er am Küchentisch und schaute auf seinen Teller. Hielt sich die Hände vor die Augen gehalten. Erst als Vera die Nerven verlor, fing er an zu schreien. Tim schrie, als Vera ihm die Jacke anzog, schrie als sie ihn aus dem Haus zerrte, schrie immer noch im Spielzeugladen. Erst als sie ihm ein doppelt so großes Krokodil gekauft hatte, war Tim ruhig. Ein Krokodil, kein Bär. Immerhin war es größer und Tim konnte sich drauflegen. Oder reiten.

„Papa, Krokodile kann man reiten.“

Davon war er nicht abzubringen gewesen. Bären konnte man nur knuddeln. Krokodile. Bären. Bei all den Tieren kam sich Martin wie eine Weihnachtsgans vor. Für das Krokodil hatte Vera das Geld von ihm zurück verlangt.

„Es ist deine Schuld gewesen, dass der Bär seine Haare verloren hat. Du musstest ihm ja unbedingt so ein billiges Teil kaufen. Hauptsache groß.“

Dabei war das Krokodil doch viel größer. Und billig, billig war der Bär nicht gewesen. Wie das überhaupt mit dem Stofftier passieren konnte, wusste er nicht. Früher hatte er immer noch mal in der Mülltonne nachgeschaut, wenn Vera wieder was kaputt gegangen war. Um Ausreden war sie nie verlegen. Solange andere Schuld waren, war sie glücklich. Ein Umstand, den Martin vier Jahre zu spät erkannt hatte.

Zum Zoo also. Manchmal war es einfach, Kinder zufrieden zu stellen. Das Tim für den Zoo zu begeistern war, bot Martin einige Vorteile. Vor allem den, dass der Weg dorthin nicht weit war. Auch wenn es ihm nicht gerade günstig erschien, für nicht mal eine Stunde, die ihm noch mit Tim blieb, Eintritt zu bezahlen. Hinterher stand, wie Karl ihm noch mal bewusst gemacht hatte, das Heimspiel an. Darauf hatte er sich schon gefreut. Genauso wie darauf, Tim wieder zu sehen. Die knappe Zeit, die er mit seinem Sohn noch verbringen durfte, hatten ihn von Tim entfremdet. Ein Umstand, den Vera sichtlich genoss. Vera. Fast hätte Martin eine rote Ampel übersehen. Er musste sie aus dem Kopf bekommen, was nicht leicht war, wenn das gemeinsame Kind hinten im Auto saß. Er liebte seinen Sohn, ja. Gleichzeitig aber – nein, daran wollte Martin jetzt nicht denken. Wollte sich nicht den Samstag vollständig verderben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren