Nur eine Stunde — Teil III

Nur eine Stunde — Teil III

Endlich ließ Vera ihn los. Tim rannte rüber zu seinem Vater, der in die Hocke ging und die Arme ausbreitet. Martin spürte, wie der kleine Körper zitterte. Mit der rechten Hand wuschelte er Tim durchs Haar.

„Na komm, kleiner Mann, lass uns fahren.“

Vera hielt ihre Arme verschränkt und stand noch immer im Türrahmen. Sie hatte ihre Lippen nach oben gezogen, einen Ausdruck, den Martin noch nie an ihr leiden konnte. Statt etwas zu sagen, drehte er sich um und half Tim ins Auto. Veras Sätze trafen ihn in den Rücken.

„Nur eine Stunde. Du hast das Umgangsrecht nur für eine Stunde!“

Deutlich wurde ihm bewusst, wie die Richterin damals entschieden hatte. Warum sie so entschieden hatte. Martin der Rabenvater. Frauen. Das war alles eine Verschwörung. Sie wollten ihn vernichten, ihm das letzte Geld aus der Tasche ziehen. Geblieben war ihm nicht viel. Von seinem Gehalt ging nicht nur der Unterhalt ab, sondern Martin musste auch alleine die Tilgung für das Haus abbezahlen. Das Haus, in dem Vera mit Tim alleine wohnte. Sie hätte arbeiten gehen können, davon war Martin überzeugt. Versuchte er sie darauf anzusprechen, hieß es immer, sie hätte ein Kind großzuziehen, da können man nicht arbeiten gehen. Eine Gelegenheit, darauf zu antworten, gab sie ihm nie, denn sie schob dann immer nach, dass er selber Schuld sei. Schließlich war er es gewesen. Martin konnte und wollte diese Vorwürfe nicht mehr hören. Langsam aber sicher überstieg das seine Kräfte. Frieden, endlich Ruhe. Es war zu viel verlangt. Vera würde keine Ruhe geben. Würde immer weiter Salz in die Wunde streuen, ihm das Leben, so gut es ihr gelang, zu Hölle machen. Sich einfach damit abfinden, dass er jetzt ein anderes Leben führte, wollte sie nicht.

Martin schnallte Tim auf den Rücksitz an, Veras Blicke immer noch in seinem Rücken. Sorgsam machte er die Tür zu und ging wieder ums Auto herum. Der Nachbar mit dem Hund war auf dem Rückweg. Freundlich grüßte er zu Vera rüber, ging an Martin vorbei. Sein Hund kam nicht mal dazu, an Martins Hosenbein zu schnuppern. Hastig wurde die Leine weggezogen. Noch bevor Martin in den Wagen eingestiegen war, warf ihm Vera einen Satz hinterher, der ihm noch lange wie Blei im Magen liegen würde.

„Fahr vorsichtig, du hast mein Kind dabei!“

Ihr Kind. Es war auch sein Sohn. Tim saß hinten und winkte seiner Mutter zu.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren