Nur eine Stunde — Teil II

Nur eine Stunde — Teil II

Der Vorgarten von Karls Haus war ordentlich gepflegt. Karl ließ darauf nichts kommen. Wahrscheinlich wollte er den Nachbarn keinen Anlass geben, hinter seinem Rücken über ihn zu reden, mutmaßte Martin. Versonnen schaute er weiter rüber und sah daher nicht den Radfahrer im Rückspiegel. Durch das Klopfen an der Scheibe schreckte er hoch.

„Mensch Karl, hast du mich erschreckt!“

„Tach Martin, alles klar bei dir? Hat der Kleine heute wieder Freigang?“

„Weisst ja, wie Vera ist.“

„Bist du heute Abend im Stadion? Ist Heimspiel.“

„Klar, gleicher Platz wie immer.“

„Dein Termin kommt.

Martin schaute nach links. Die Haustür war offen. Vera stand im Türrahmen. Sie hielt Tim an den Schultern zurück, damit er nicht sofort zu seinem Vater stürmen konnte. Dass sein Sohn mehr nach ihm als nach ihr kam, versetzte Vera beständige Nadelstiche. Mit einem Blick, der Berge zum Einsturz gebracht hätte, schaute sie rüber zum Wagen, zu Martin. Karl klopfte zweimal mit der flachen Hand aufs Autodach.

„Na dann, auf in den Kampf. Wir sehen uns.“

Er schob sein Fahrrad rüber auf die andere Straßenseite. Dabei zog er sein linkes Bein leicht nach. Martin sah ihm nicht hinterher, sondern versuchte sich ganz auf das zu konzentrieren, was vor ihm lag. Veras Blick war unverändert. Das Martin überhaupt noch Rechte hatte, konnte, wollte sie nicht verstehen. Martin stieg aus und ging von hinten um den Wagen rum, vorbei am Kofferraum, ohne ihn jedoch aufzumachen. Statt dessen öffnet er die Hintertür für Tim und sah diesen auffordernd an. An Stelle einer Begrüßung fing Vera sofort wieder mit ihren Vorwürfen an.

„Hast du wieder nicht den Kindersitz mitgebracht?“

„Vera bitte, Tim ist zu alt dafür!

Schon wieder ging das los, Kleinigkeiten reichten aus, um aus zwei erwachsenen Menschen Kontrahenten zu machen. Alles um die beiden herum war vergessen, es ging nur noch darum, den anderen zu verletzen. Martin hatte den Sitz vergessen. Statt eines Schuldeingeständnisses log er. Tim war vier und nicht zwölf Jahre alt. Vera wusste das mit dem Kindersitz nicht so genau, spürte aber Martins Lüge. Ein Wort gab das andere.
Tim hielt sich die Ohren zu.

„Mama, Papa nicht streiten.“

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren