Nur eine Stunde — Teil I

Nur eine Stunde — Teil I

Martin Wegmann hatte aufgehört, mit den Händen auf Lenkrad zu trommeln. Am liebsten hätte er auf die Hupe gedrückt, nur wusste er genau, dass sie das hasste. Was ihm egal war, mittlerweile jedenfalls. Allerdings würde sie, wenn sie wütend war, die Übergabe weiter hinauszögern. Sie, das war seine Ex-Frau, richtigerweise eigentlich erst fast Ex-Frau, denn sie waren noch nicht geschieden. „Übergabe“ war so ein Ausdruck, den er wie andere Väter in seiner Lage benutzte. Väter, die ihre Kinder nur noch zu Gesicht bekamen, weil es ein Umgangsrecht gab. Durch die verdreckte Windschutzscheibe brach sich das Sonnenlicht. Martin blinzelte und wendete seinen Blick ab. Schaute rüber zum Eingang des Reihenhauses, in dem er selber noch vor ein paar Monaten gewohnt hatte. Im Vorgarten hing immer noch der Osterschmuck.

Vera schien es nicht mehr zu interessieren, dass sich die Welt weiter drehte. Einer der Nachbarn führte seinen Hund aus. Als er Martin im Auto erblickte, sah er demonstrativ weg. „War doch klar“, ging es Martin durch den Kopf. Für die bin ich der Böse. Aus Prinzip und weil ich Vera verlassen habe. So was tut man nicht. Schon gar nicht mit Kind. Der Einzige, den das nicht störte, war Karl, der Nachbar von gegenüber. Als Frührentner hatte er das Glück gehabt, dass seine Frau rechtzeitig bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Daran, noch mal zu heiraten, dachte er nicht. Wenn jemand das Thema zur Sprache brachte, winkte er regelmäßig ab. Für die Wäsche und den Haushalt hatte er eine Reinigungskraft. Für den Rest gab es das Internet.

Auch nach seinem Auszug ging Martin regelmäßig mit Karl zu den Heimspielen seines Fußballclubs. Ohne viele Worte verstand man sich, trank gemeinsam ein Bier und ließ den anderen ansonsten in Ruhe. Karl machte ihm keine Vorwürfe. Als er von der Sache zwischen Martin und Vera gehört hatte, hatte er nur mit den Schultern gezuckt und sein übliches „Is so“ von sich gegeben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren