Nur ein Parameter

Nur ein Parameter

Im Rückspiegel wurde der Kreisverkehr immer kleiner. Trotz der erlaubten 50 Stundenkilometer pendelte sich die Nadel des Tachometers bei 43 ein. Die Sonne schien von links ohne zu blenden. Die Außentemperatur lag bei 10 Grad. Gerade gingen die Nachrichten im Radio zu Ende, 9:33 Uhr keine Meldungen im Verkehrsfunk. Rechts reihten sich parkende Autos aneinander. Eine der kleineren Städte, durch die man fährt ohne sie in Erinnerung zu behalten. Vor einer Bäckerei ein Kinderwagen über den sich eine Frau mit einem Gebäckstück beugte. Ein angeleinter Hund sah ihr gierig dabei zu. Drinnen standen die Kunden Schlange.

Auf der Gegenspur mäßiger Verkehr, ein blauer Passat kam entgegen. Zwischen zwei parkenden Autos rechts lief ein Kind auf die Fahrbahn. Ein Kind. Auf. Der. Fahrbahn.

Eine Sekunde ist immer eine Sekunde. Unbedachtes Verhalten ein selbstverschuldetes Risiko. Alter spielt keine Rolle. Mit unveränderter Geschwindigkeit fuhr der Wagen weiter. Die Stoßstange traf das Kind auf Brusthöhe. Sein Kopf schlug auf den Beginn der Motorhaube, bevor der gesamte Körper in die Luft geschleudert wurde. Die Frau am Kinderwagen ließ das Teigstück fallen. Entsetzen stand in ihrem Gesicht. Gierig schnappte der Hund nach der Beute am Boden. Der Aufprall hinterließ am Auto keine Spuren. Ein ausgelöschtes Leben, noch bevor der junge Körper wieder den Boden erreichte. Neustart.

Hans / Pixabay

Aus dem Kreisverkehr heraus bog das Auto ab auf die Hauptstraße der Kleinstadt. Erlaubte 50 Stundenkilometer. Die tatsächliche Geschwindigkeit lag etwas dadrunter. Von links Reflexionen der Sonne, keine Beeinträchtigungen des Sichtfeldes. Im Wageninneren konstant 21 Grad. Draußen nicht ganz der Jahreszeit entsprechende 10 Grad. Nur noch 27 Minuten bis 10 Uhr. Im Radio setzte wieder Musik ein. Leise genug, um keine Ablenkung darzustellen. Selbst auf Höhe der kleinen Bäckerei war rechts alles zugeparkt. Vermutlich auch von den zahlreichen Kunden, die bis auf den Bürgersteig Schlange standen. Zu einem gehörte der Hund, welcher die Frau mit dem Kinderwagen neben ihm genau beobachtete.

Ein blauer Passat kam auf der anderen Straßenseite entgegen. Wie aus dem Nichts heraus lief zwischen zwei der parkenden Autos von rechts ein Kind auf die Fahrbahn. Keine Chance mit einer Vollbremsung. Ausscheren. Nach links. In den Gegenverkehr.

Frontaler Zusammenstoß mit dem Passat. Für den Beifahrer darin öffnete sich kein Airbag, als sich die Autos ineinander schoben. Metall knirschte, gab nach. Ein Kopf prallte gegen die Windschutzscheibe, brachte sie zum splittern. Sicherheitsglas rettet kein Leben. Ein Bein wurde vom sich in die Fahrgastzelle schiebenden Motorblock eingequetscht. Das Kind stand auf der Straße und hielt sich die Hand vorm Mund. Die Mutter vor der Bäckerei ließ etwas fallen und rannte zur Unfallstelle. Für den Toten kam jede Hilfe zu spät, der nur Schwerverletzte würde ihr später dankbar sein. Trotz seiner bleibenden Behinderung.

>> reboot

Eintritt Kreisverkehr. Fahrt gegen den Uhrzeigersinn. Nach Vollendung von 85 Grad wurde der Blinker gesetzt. Weitere 5 Grad später erfolgt das Abbiegen rechts. Ortseingangsschild nach zehn Metern. Die derzeitige Einwohnerzahl beläuft sich auf 7.163. Nach Passieren der Ortsgrenze erfolgte die Reduzierung der Geschwindigkeit. Eine Unterschreitung der Höchstgeschwindigkeit um sieben Stundenkilometer wurde beabsichtigt herbeigeführt. Wetterbedingungen führten zu keiner Beeinträchtigung des Fahrverhaltens oder der Optik. Verkehrslage laut eingehender Meldung ohne Beeinträchtigungen im Operationsgebiet. Der Sicherheitsabstand zu der am rechten Straßenrand parkenden Fahrzeugen konnte eingehalten werden. Abstand zur Gegenfahrbahn ausreichend. Mehrere Geschäfte des Einzelhandels rechtsseitig. Hohe Frequentierung einer als solches erkennbaren Bäckerei. Davor stehend eine Ansammlung von Personen. Entgegen kommendes Auto, Passat, Harvard Blue Metallic-Lackierung. Bauhjahr — ein sich bewegendes Objekt, menschlich, Körpergröße 1,20 Meter, nicht geschlechtsreif nähert sich zwischen zwei parkenden Fahrzeugen von rechts. Kollision bei Beibehaltung von Geschwindigkeit und Richtung unvermeidlich. Aktualisiere Entscheidungshorizont.

Ausweichmanöver nach rechts, unkontrollierter Zusammenstoß mit parkenden Autos. Aufprall auf ein massives ruhendes Ziel. Kinetische Energie bricht sich ihre Bahnen. Fahrzeugteile werden in die Luft geschleudert. Metallgeschossen, Teile aus den parkenden Autos, treffen unbeteiligte Personen. Kind auf der Straße wurde trotz Manöver von linker Fahrzeugtür gestreift. Mehrere Frakturen, überleben unwahrscheinlich. Prognose für den Fahrgast zu einhundert Prozent negativ. Massive Verletzungen bei den Personen auf dem Bürgersteig. Aktualisierung der Einwohnerzahl auf 7.159.

Resigniert starrte Robert auf den Bildschirm. Der letzte Durchlauf der Simulation brachte auch heute noch immer kein zufrieden stellendes Ergebnis. Das Programm konnte das Auto samt Fahrgast ans Ziel bringen. Die moralischen Entscheidungen blieben jedoch der Parameter, der sich nicht kalkulieren ließ.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren