Die Karte im Kopf

Die Karte im Kopf

Eine besonders große Leuchte, so muss ich gestehen, war ich in Erdkunde nie gewesen. Am deutlichsten in Erinnerung geblieben vom Unterricht ist mir noch der Themenkomplex Wattenmeer und der Schutz vor Hochwasser durch Deiche. Behalten durfte ich auch den Diercke Weltatlas. Besonders häufig nach Ende meiner Schulzeit habe ich dort jedoch nicht reingeschaut. Mein Exemplar stammt auch noch aus einer Zeit, in der es zwei deutsche Staaten gab.

HebiPics / Pixabay

Erdkunde, Geographie — auswendig lernen von Städten und Ländern mochte ich nicht. Auch wenn ich alle Bundesländer zusammen bekommen, strauchle ich je nach Tagesform über die eine oder andere Landeshauptstadt. Geschenk, solange ich grob weiss, in welcher Himmelsrichtung Bayern liegt und wo Berlin auf einem Kartenumriss liegen müsste, passt das schon. Zumindest für den Alltag. Alles andere kann man schließlich irgendwo im Internet nachschauen.

Mir ist das aber mittlerweile zu wenig. Und wenn ich ehrlich bin, ärgert es mich auch ziemlich, aus dem Stegreif nicht zu wissen, wo, sagen wir mal, der Hunsrück liegt. Von geographischen Besonderheiten mal ganz zu schweigen. Klar, bestimmte Regionen sind mir vertrauter, was aber hauptsächlich darin liegt, dass ich dort längere Zeit gewesen bin. So verhält es sich zum Beispiel mit dem Teutoburger Wald — oder dem Niederrhein. Ein Gespür für die Eifel entwickelt sich derzeit langsam. Gerade dabei stelle ich aber für mich persönlich fest, warum der Erdkunde in der Form, wie er erteilt wurde, nicht das richtig war.

Nehmen wir wieder den Hunsrück. Man auf einer Deutschlandkarte ohne Mühe nachschauen, wo er liegt. Kann sich seine Lagen in Rheinland-Pfalz und Saarland einprägen. Auch die „Key-Fakts“ lassen sich lernen. Es bleibt aber meiner Meinung nach totes Wissen. Über den Hunsrück, wie er wirklich ist, weiss man nämlich nach wie vor nichts. So geht es mir nämlich gerade durch die Eifel. Durch das Wandern erfahre nicht unbedingt ich mehr über sie, als ich mir anlesen könnte. Aber das was ich erfahre und erlebe, prägt sich auch ganz andere Art und Weise ein. Ein unmittelbarer Bezug mit allen Sinnen.

Möglicherweise liegt es auch daran, wie ich gestrickt bin. Orientierungsprobleme sind mir fremd. Strecken kann ich mir gut einprägen, bin ich ein einmal gelaufen, finde ich auch in umgekehrt Richtung zurück. Selbst leichte Variationen sind möglich — ganz ohne Navigationshilfe. Viele Strecken in Köln, die ich mir eingeprägt habe, könnte ich sogar, wie man so schön sagt, fast blind laufen (im übertragenen Sinne, versteht sich). Woran ich aber regelmäßig scheitere, ist es, jemanden einen Weg zu erklären. Nicht weil ich schlecht darin wäre, Dinge zu erklären. Sondern weil meine Karte im Kopf einfach eine andere ist. Eine, in der Straßennamen keine Rolle Spielen. Links, rechts, Norden, Süden, Oste, Westen — mein Beine wissen einfach, wo sie lang müssen. Den Fragenden könnte ich ans Ziel führen. Aber erklären, wie er alleine dort hin kommt, schaffe ich nicht.

In meiner persönlichen Hölle steht daher mit ziemlicher Sicherheit eine lange Bank, auf der all diejenigen Menschen sitzen und auf mich warten, die ich auf Grund meiner schlechten und falschen Erklärung in die Irre geschickt habe.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren