Nennen wir es Völkermord

Nennen wir es Völkermord

Vor genau einhundert Jahren wurden über eine Million Armenier aus dem damaligen osmanischen Reich vertrieben und vernichtet, oft in Todesmärschen. Sie wurde enteignet, ihre Würde und ihres Lebens beraubt. Um die Kontroverse zu verstehen, die sich derzeit darum dreht, ob dies als Völkermord zu bezeichnen ist (wie es unter anderem Papst Franziskus getan hat) oder aber ob man so eine Begriff vehement ablehnt (wie es die Türkei als Nachfolgerin des Osmanischen Reiches tut), ist hilfreich, sich mit dem auseinander zu setzen, was damals passierte. Auf Wikipedia gibt es zum Stichwort „Völkermord an den Armeniern“ viel zu lesen. Dazu hilft es auch, sich mit der Geschichte des Osmanischen Reiches auseinander zu setzen.

Die Deportation in diesem Maßstab, mit der dahinter stehende Systematik, kann man im Grunde nicht anders als mit Völkermord bezeichnen. Das die deutsche Bundesregierung mittlerweile auch in diese Richtung gestoßen wurde, ist verschieden aktuellen Entwicklungen zu verdanken. Der Äußerung von Papst Franziskus, der bevorstehenden von Bundespräsident Joachim Gauck, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auch, so wie es die Süddeutsche Zeitung schreibt, von einem Genozid sprechen wird — und den Abgeordneten von CDU und SPD, die sich über die diplomatischen Bedenken hinweggesetzt haben.

Selbstverständlich wird es ein Echo aus der Türkei geben. Recep Tayyip Erdoğan, der türkische Präsident, wird auch nicht der Einzige sein, der deutliche Worte finden wird. Und sicher wird es auch hässliche Vergleiche geben, die sich auf den von den Deutschen verübten Holocaust beziehen werden.

Schaut man sich wiederum auf Wikipedia den Eintrag unter „Völkermord“ an, ist es keine kleine Liste. Verbrechen jüngeren Datums finden sich dort genauso wie das, was vor dem 1. Weltkrieg passierte. Ein Ereignis sticht in der grausige Auflistung heraus, zeitlich ein paar Jahre vor dem Völkermord an den Armeniern. Der Mord an Herero und Nama durch Deutsche in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Arbeitet man sich durch die Texte zum Thema durch, stößt man auf einen wie ich finde sehr interessanten Satz:

Der Genozid wurde durch die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1948 beschlossene Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes als Völkermord anerkannt. Die Bundesregierung nimmt zur Bewertung des Ereignisses unverändert keine Stellung und weist etwaige Verantwortung für einen Völkermord von sich.
Quelle: Wikipedia.de

Unwillkürlich fällt mir dazu das Evangelium nach Matthäus – Kapitel 7, Vers 3 ein. Der Splitter im Auge des Bruders und den Balken im eigenen Augen, die man nicht wahrhaben will.

Wenn Papst Franziskus den Völkermord an den Armeniern als solchen bezeichnet, ist das eine Sache. Tut die deutsche Bundesregierung ihm jedoch gleich, ist es eine ganz andere. Wenn wir das eine Völkermord nenne, sollten wir es beim anderen genau so halten. Dazu gehört auch, sich der Verantwortung zu stellen.

2 Replies to “Nennen wir es Völkermord”

  1. Nun, dass wir selbst unsere Vergangenheit nicht wirklich aufarbeiten, darf aber nicht dazu führen, dass wir andere Verbrechen nicht als diese benennen. Was auch bedacht werden sollte, ist, dass die Bevölkerung, auch wenn nur in kleinen Teilen, in Deutschland schon weiter ist und die Völkermorde, die wir begangen haben, auch als Völkermorde bezeichnen. Das sich die Bundesregierung dagegen sträubt, hat wahrscheinlich finanzielle Gründe, denn wie würden wahrscheinlich dann auch Ausgleichszahlungen leisten müssen. Macht es nicht besser, im Gegenteil, dass macht es sogar noch schlimmer, aber wir sollten Völkermorde schon auch so nennen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren