Jesus kocht Kaffee

Jesus kocht Kaffee

Auf dem Küchentisch lag noch immer die Wochenendausgabe der Tageszeitung, aufgeschlagen die Seite mit dem Kreuzworträtsel. Wie immer nur halb ausgefüllt, zuverlässig gescheitert an der Stelle, wo es etwas schwieriger wurde. Frühere Stadt am Bosporus. Darüber bunte Eierschalen. Von nur einem Ei, denn mehr bekam er alleine zum Frühstück nicht runter. Immerhin schaffe er es mittlerweile, überhaupt wieder etwas zu frühstücken. Etwas abseits von der Zeitung hatte sich eine Milchlache gebildet. Von ihr wusste er genau so wenig wie von dem kleinen Rinnsal, welches Richtung Tischkante floss und genau in jenem Moment Kontakt mit dem Fußboden aufnehmen würde, wenn er sich umdrehte.

Noch stand mit dem Rücken zum Tisch am Spülbecken, blickte aus dem Fenster und fixierte eine der vorbeiziehenden Wolken. Das Wasser im Kessel auf der Herdplatte rechts von ihm fing an zu kochen und er hatte weder den Papierfilter vorbereitet noch die Bohnen gemahlen. Was ihn aus der Bahn geworfen hatte dauerte in ihn noch an, so dass jede Abfolge von Schritten einer Willkürlichkeit unterworfen war. In guten Momenten stimmte die Reihenfolge, meistens tat sie es jedoch nicht. Das Pfeifen des Kessels riss ihn weg von seiner Wolkenbetrachtung.

Mit einem Handgriff drehte er das Gas von der Kochstelle ab, mit einem weiteren holte er einen Papierfilter aus der Halterung an der Wand. Ein albernes Stück vom Flohmarkt, welches er nur gekauft hatte, um an diesem Tag nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen. Über das mit roter Farbe gestrichen Holz hatte der Vorbesitzer auf der Vorderseite einen Aufkleber angebracht, der zur Hälfte abgerissen war und das dahinter liegen Schnitzmuster offenbarte. Ein halb aufgedecktes Herz. Durch die Reste des Aufklebers darüber wirkte es wie zerrissen. Ihm erschien das genau passend, ein Bild für seine eigene derzeitige Situation.
Bevor das Wasser im Kessel weiter abkühlte, faltete er den Filter an der Naht.

Noch immer fehlte das Kaffeemehl, die Kanne und der Porzellanaufsatz für die Kanne, in welchem der Filter in Position gebracht würde, um Mehl und Wasser aufzunehmen. Im Spülbecken lagen Splitter und Kaffeesatz. Selbst wenn er jetzt noch Bohnen mahlen würde, könnte er sich dennoch keinen Kaffee mehr kochen. Zumindest nicht an diesem Sonntag.

Draußen verschwand die Wolke gerade hinter einem der Häuser in der Nachbarschaft, als er erneut aus dem Fenster blickte und das Wasser kalt werden ließ. Endlich riss er sich los, drehte sich um und sah sie Milch auf den Boden tropfen. Oben auf dem Tisch das umgekippte Milchkännchen, die Erinnerung an eine zu hastige Bewegung. Konstantinopel. Mit einem Mal fand er die Antwort in seinem Kopf.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren