Billig aber nicht recht

Billig aber nicht recht

Mit konstruktiver Kritik ist das so eine Sache. Ganz persönliche halte ich es für legitim, von jemanden der Kritik äußert, gleichzeitig auch einen konstruktiven, alternativen Lösungsansatz einzufordern. Allerdings gibt es und muss es auch Ausnahmen davon geben. Ein starres Beharren nach dem Motto „mach doch mal einen Gegenvorschlag“ ist eine ziemlich billige Methode, jede Form der Kritik, ob berechtigt oder nicht, im Keim zu ersticken. Das gilt besonders dann, wenn ohne ersichtliche Not eine Entscheidung getroffen wurde, mit dem einer oder einige in einem Kollektiv (wie auch immer sich das aus welchen Gründen zusammengefunden hat) nicht einverstanden ist / sind.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung. Nehmen wir ein Ausflug, bei dem man nach einer längeren Wanderung endlich am Ziel angekommen ist. Alle sind müde und erschöpft, keiner so richtig Lust, den Rückweg auch wieder zu Fuß anzutreten. Jemand schlägt vor, man könne sich doch einfach mehrere Taxen rufend die Kosten teilen. Zunächst einstimmiges nicken. Einer aus der Gruppe fühlt sich jedoch nicht wohl mit dem Vorschlag. Er hat von zu Hause zu wenig (oder kein) Taschengeld mitbekommen. Das Taxi, selbst die gemeinsame Umlage, kann er somit nicht bezahlen. Gleichzeitig traut er sich jedoch nicht, einfach zu sagen, dass er kein Geld dabei hat. Die anderen darum zu bitten, sie mögen ihm einstweilen seinen Anteil vorstrecken, ist ihm zu peinlich. Daher lehnt er den Vorschlag, zurück ein Taxi zu nehmen, ab. Von der Gruppe wird mit einer gewissen Selbstverständlichkeit erwartet, dass er gleichzeitig einen Gegenvorschlag macht.

Anderes Beispiel, aber wir bleiben beim Thema Ausflug. Die Wandergruppe ist in einer Stadt ankommen, man hat Hunger. Man steuert auf ein Restaurant zu, um dort einzukehren. Eine Frau in der Gruppe stellt schon von außen fest, dass ihr das Restaurant nicht gefallen wird. Möglicherweise, weil es ein Steak Restaurant ist, sie sich aber aus gesundheitlichen vegetarisch ernährt. Was auch immer. Sie offenbart der Gruppe, nicht mit dem Vorschlag einverstanden zu sein. An Sie wird jetzt die Erwartung herangetragen, einen Gegenvorschlag zu machen. Unter Stress, gerade auch wenn man hungrig ist, wird das mit konstruktiven Gegenvorschlägen nicht unbedingt einfacher. Insbesondere dann, wenn die Frau aus der Gruppe die Einzige ist, die sich noch nicht so gut in der Stadt auskennt, also gar kein Überblick hat, welche Alternativen es überhaupt gibt.

Ich glaube, jeder kann die Reihe selber mit weiteren Beispielen fortsetzen. Aufeinander zugehen, wäre einer der ersten Lösungsansätze, der mir spontan einfällt — und das ist natürlich völliger Blödsinn. Weil man nur aufeinander zugehen kann, wenn ein Kompromiss wirklich sinnvoll ist. Aber was wäre denn der Kompromiss für die Vegetarierin oder für den Wanderer ohne Geld? Rücksicht auf Minderheiten ja. Der Einwand, das dürfe aber nicht zu einer Diktatur der Minderheiten führen, ist auf der anderen Seite auch wieder berechtigt. Nur den Standpunkt der Mehrheit im Blick zu haben, allerdings billig. Ein schwieriges Thema, für das ich keine Lösung habe, leider.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren