Das Versagen des Journalismus

Das Versagen des Journalismus

Immer neue Meldungen über die Absturzursache von Flug 4U 9525 sind zu lesen, in den letzten 72 Stunden kann von einem medialen Feuer gesprochen werden. Auf allen Kanälen wurde über den Absturz berichtet, nichts mitzubekommen unmöglich. Wo es zunächst unklar war, aus welchen Gründen die Maschine in den tödlich Sinkflug ging, wurde das Bild über die vermutliche Ursache zuletzt immer deutlich.

Den derzeitigen Stand der Ermittlungen sachlich wiederzugeben, stellt bereits eine enorme Herausforderung da. Ohne es zu selber zu wollen, ist man selber von dem, was man mitbekommen hat, völlig beeinflusst. Soweit bekannt, bekannt sich zum Zeitpunkt des Absturzes der Co-Pilot alleine in der Kabine des Flugzeugs. Er soll absichtlich, so heisst es, dem Piloten den Zugang zur Kabine verweigert haben. Der Pilot selber hatte diese vorher verlassen.

Der Co-Pilot soll in Suizid-Ansicht den Sinkflug und entsprechend den sich draus ergeben Absturz eigeleitet habe. Er litt „an einer psychischen Erkrankung“, war für den Tag des Fluges krankgeschrieben.

Nicht die Maschine hat versagt, sondern – ist das überhaupt fair und angemessen, so davon zu schreiben oder zu sprechen? In einem erschreckenden Ausmaß wurde über ein Mensch gerichtet. Sein Privatleben sowie seine Erkrankung in aller Öffentlichkeit ausgebreitet. Seinen voller Name wird bekannt, Fotos von seinem Haus veröffentlicht. Teilweise ging ein Foto des Piloten um die Welt — auf dem aber nicht er, sondern ein ganz anderer Mensch zu sehen war. Aus reiner Sensationsgier werden dabei Grenzen überschritten, die allein aus Sitte und Anstand nie hätten überschritten werden dürfen.

Ein Beitrag im Deutschlandfunk bringt es Bettina Schmieding treffend auf den Punkt:

Abgestürzt ist nicht nur ein Flugzeug mit 150 Menschen an Bord, sondern leider auch der Journalismus.

Das mediale Dauerfeuer ist für die Angehörigen eine ungeheure Belastung. Nicht nur da sie einen geliebten Menschen verloren haben, es wird auch noch permanent darüber berichtet und mit dem Leid Geld verdient. Den letzten Endes bedeutet Aufmerksam für ein Thema auch immer Umsatz. Und wie es dann um die Moral bestellt ist wenn sich in den Augen die Fresslust abzeichnet, das wusste schon Brecht.

Wenn man über menschliches Versagen sprechen kann im Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz, dann in Bezug auf die Berichterstattung. Der Totalausfall jeder Kontrolle. Eine Nachrichtensperre wäre wohl besser gewesen.

Erstaunlich auch, das sich urplötzlich Menschen zu Experten in Sachen Depressionen aufschwingen, wenn es um den Co-Piloten geht. Menschen, die nicht mal wissen, was es überhaupt für einen Betroffenen bedeutet, unter Depressionen zu leiden. Man maßt sich an über jemanden zu urteilen ohne auch nur einen Hauch von Ahnung zu haben, was diese Krankheit alles mit einem anstellt.

Die Form des posthumen Mobbings ist widerlich und sollte uns alle dringend zum Nach- und vor allem Umdenken anregen. Mich hat in den vergangenen Tag ein Video umgehauen. Für passt es genau zu Berichterstattung über das Flugzeugunglück. Monica Lewinsky in ihrem Beitrag „The Price of shame“ auf der TED-Konferenz zuzuhören, lohnt sich. Wer das Video nicht kennt, sollte es sich unbedingt ansehen. Zur Berichterstattung über den Co-Piloten gibt es viele Parallelen.

Wir haben als Gesellschaft versagt, wenn wir weiterhin Betroffenheitsbuisness zulassen. Wenn es uns nicht gelingt, die Berichterstattung über Unglücke, Katastrophen und Skandale zu entschleunigen. Das Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit steht über dem Recht auf umfassende Information rund um die Uhr. Es geht nicht darum, Dinge zu verschweigen, sondern um eine sachliche, ruhige und angemessen Form der Berichterstattung. Das sind wir den Opfern und Angehörigen einfach schuldig.

One Reply to “Das Versagen des Journalismus”

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren