Ulysees 2 im Test

Ulysees 2 im Test

Die Ansprüche an eine Schreibsoftware sind unterschiedlich. Wer wenig Text schreibt, vielleicht ab und an mal einen Brief, hat andere Anforderungen an ein Programm als ein Autor (oder Vielschreiber). Relevant ist neben dem eigenen Nutzungsprofil auch die Brille, die man auf hat. Genau gesagt, ob man lediglich Anwender ist oder auch etwas unter die Haube schaut — so wie beim Kauf eines Gebrauchtwagens. Auch wenn ich von Autos wirklich keine Ahnung habe, bin ich in Bezug auf Schreibprogramme grundsätzlich kritisch. Vielleicht auch manchmal etwas zu kritisch. Beim lesen des nachfolgenden Textes sollte man das im Hinterkopf haben.

Der erste Eindruck

Vergangenen Samstag habe ich mir Ulysees für iOS gekauft, aus einer Unzufriedenheit heraus, die ich gestern bereits versuchte in Worte zu fassen. Für ein iOS-Programm hören sich 19,99 Euro recht viel an, vor allem wenn man damit nur schreiben kann — ich für meinen Teil halte diese ganze Preisdiskussion für völlig überzogen. Gute Software kostet eben Geld und mir ist jedes bezahlte Programm lieber als dieser ganze Fremium-Dreck (sorry, das musste ich in dieser Härte mal loswerden). Also, Ulysees für iOS ist zumindest meiner

Ulysees 2 für den Mac
Ulysees 2 für den Mac

Meinung nach nicht zu teuer. Die Bildschirmfotos im Store fand ich anspruchsvoll, ebenso wie die Webseite zum Produkt. Der erste Eindruck ist bei mir auf jeden Fall etwas, was einen Kaufimpuls auslösen kann. So war es dann auch bei Ulysees. Nach dem Kauf ging ich die Einführung durch, tippte einen ersten Text und war begeistert von der Klarheit der Benutzeroberfläche. Gerade wenn man wirklich ablenkungsfrei schreiben will, ist dass von Bedeutung. Die iOS-Version von Ulysees ist allerdings nur die halbe Miete, denn als Stand-Alone Lösung ist sie zwar nett, aber nicht wirklich das, was bei mir einen vollständigen Workflow abbilden kann.

Ulysees für den Mac

Die Mac-Version kostet etwas mehr als das doppelte der iOS-Version, nämlich 44,95 Euro. Bei so einem Preis freue ich mich selbstverständlich, wenn es eine kostenlose Demoversion gibt. Die von Ulysees lässt sich 10 Stunden (Nutzungszeit) lang testen. Auch hier fühlte ich mich beim ersten Anblick der Benutzeroberfläche sofort wohl. Allerdings fehlte mir mein Text, den ich auf dem iPad geschrieben hatte. Im Kleingedruckten zur Demoversion fand ich dann den Hinweis, dass es nur in der Vollversion die iCloud-Synchronisierung gibt. Liebe Soulmens, das ist suboptimal, denn gerade die Möglichkeit der Synchronisierung ist es, worauf es ankommt wenn man für beide Produkte eine Kaufentscheidung treffen möchte. Was mich anbetraf, so habe ich einfach die Katze im Sack gekauft — in der Hoffnung, dies nicht hinterher zu bereuen.
Auf den ersten Blick machte die Synchronisierung auch die erhofft gute Figur. Nur sind es die Details, auf die es ankommt.

Synchronisierung nur über iCloud

Ulysees synchronisiert zwischen iOS App und Desktop App ausschließlich über die iCloud. Alternativen gibt es (derzeit) nicht. Dabei ist die Synchronisierung via iCloud nicht immer 100% zuverlässig, was ich bereits bei anderen Applikation feststellen musste. Der Fehler allerdings bei Apple, nicht bei Ulysees. Ein wirkliches großes Aber gibt es jedoch in Bezug auf die Dateistruktur, denn die liegt tatsächlich in der Hand der Entwickler. Hier hat man sich ganz bewusst dagegen entschieden, eine klassische Dateistruktur zu verwenden. Ulysees speichert keine einzelnen Dateien in der Cloud. Im iCloud Drive gibt es daher keine Ulysees-Ordner.
Man ist damit der Software ein großes Stück weit ausgeliefert, da sich die Texte nicht losgelöst von Ulysees bearbeiten lassen. Und wir reden hier nicht über proprietäre Textformatierungen, sondern über Markdown. Es kommt aber noch „besser“. Wenn man sich auf dem iPad mal in den Einstellungen unter iCloud und dort unter Speicher und Speicher verwalten anschaut, was Ulysees in der Cloud abgelegt, findet man für Ulysees zwei Einträge. Unter einem werden, so vermute ich, die Einstellungen der App verwaltet, und hinter dem anderen verbergen sich die eigentliche Texte — in verschlüsselten Ordner und Dateien.

Eine Unterstützung für Dropbox fehlt, wie es seitens der Entwickler heisst. Ursache dafür wäre der Dienst selber, der es nicht zulassen würde, dass Texte innerhalb anderer Applikation heraus bearbeitet werden können — zumindest habe ich das so verstanden. Was ich nicht verstehe ist, warum das bei hunderten von anderen Apps funktioniert. So hat zum Beispiel Editorial keine Probleme mit Dateien in der Dropbox. Und hier funktioniert auch der Austausch mit anderen Applikationen reibungslos.

Ich hätte mir in Bezug auf das Thema mehr Offenheit in der App gewünscht. So stelle ich mir die Frage, ob ich Ulysees wirklich meine ganze Texte anvertrauen soll. Die Frage bekommt noch mehr Gewicht, wenn man (wie gesagt, ich schaue gerne unter die Haube) ansieht, was Ulysees bei den so genannten „External Files“ macht. Hier lassen sich einzelne Dateien zum Beispiel aus echten iCloud Ordner einbinden. Ulysees legt dann munter im Hintergrund eine versteckte .plist-Datei an.

Fehlende iPhone Version

In meinem persönlichen Anwendungsszenario spielt, wie gestern beschrieben, auch das iPhone eine wichtige Rolle. Immer dann, wenn es darum geht, unterwegs schnell eine Idee festzuhalten. Für das iPhone gibt es bisher noch keine eigene Version von Ulysees. Statt dessen gibt es Daedalus Touch. Großzügigerweise kann man dort einen, genau einen Stapel einrichten, der sich mit Ulysees synchronisiert. allerdings (zumindest bisher) ausschließlich mit der Deskop-Version. Auf dem iPad fehlen einem dann die Notizen. Vorerst behelfe ich mir mit Drafts, worüber eine Datei in Dropbox erzeugt beziehungsweise ergänzt wird. Diese wiederum ist dann über „External Files“ eingebunden. Das funktioniert im Großen und Ganzen ziemlich mäßig, denn die Verbindung geht häufiger verloren. Insbesondere dann, wenn man Ulysees in der Multitasking Ansicht von iOS beendet.

Bugs und andere Widrigkeiten

Neben der teilweise leider unzuverlässigen Synchronisation (ich hatte mehrfach Fehlermeldungen über verschieden Versionen, und dabei hatte ich bisher weniger als fünf Textdateien in Ulysees) sind mir ein paar Dinge aufgefallen, die ich mindestens als unschön bezeichnen würde. Beendet man beispielsweise in der Multitasking Ansicht von iOS Ulysees, bekommt man bei nächsten Start der App eine Fehlermeldung präsentiert. So was habe ich bisher bei keiner anderen App gesehen, die ich auf diese Weise beendet habe — und so was mach ich häufig, um den Speicher etwas aufzuräumen.

Unschöne Fehlermeldung
Unschöne Fehlermeldung

So schön es auch ist, einem Text-Dokument in Ulysees Notizen anzuheften, so tückisch ist das in der iOS-Version. Bei einem Dokument hatte ich als Notiz eine längere Passage aus einer E-Mail als Notiz erfasst. Kein Problem bei der Desktop-Version, unter iOS konnte ich dann in dem entsprechenden Dokument keine weiteren Notizen mehr erstellen.
Für die Spaltenansicht einer Gruppe gibt es nur die Möglichkeit der Sortierung über das Menü (Desktopversion). Unter iOS fehlt eine Sortiermöglichkeit vollständig. Die Filter (oder intelligenten Gruppen) sind zwar nett, aber lediglich rudimentär. Als einzige Abfrageoption steht „stimmt überein mit“ bei Schlagwörtern zu Verfügung. Da bin ich von Evernote deutlich mehr gewöhnt, was bei der Auffindung von Dokumente ein riesiger Vorteil ist. Diese Einschränkung lassen mich daran zweifeln, ob man Ulysees wirklich intensiv für alle Schreibbelange nutzen kann, denn je mehr Texte in dem Programm sind, desto unübersichtlicher wird es. Und ja, es ist ja alles in Ulysees drin, da nicht mit Dateien oder Datei-Bündeln (wie bei Scrivener) gearbeitet wird.
Man hat im Grunde genommen eine Datenbank, die immer weiter anwächst und weiss nicht, wie man den Überblick bewahren wird oder wie sich eine Vielzahl von Texten auf die Performance des Programms auswirken wird.

Fazit

The Soulmen GbR ist ganz bestimmte nicht Microsoft, bestimme Züge kommen mir aber bekannt vor. Die Dokumentation ist, gelinde gesagt, spartanisch. Ein Forum für die Benutzer (wie bei Editorial und Scrivener) fehlt vollständig. Insgesamt hat Ulysees zwar gut Ansätze, aber wirkt auf mich unausgereift, streckenweise sogar an den Bedürfnissen von Autoren entwickelt. Da fand ich den Vorgänger deutlich durchdachter.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren