Hätte, hätte, Steinbrück-Kette

Hätte, hätte, Steinbrück-Kette

Politiker, die an irgendeiner beliebigen Wahlhürde scheitern, die zwangsläufig ihre bisherige Karriere beendet, erinnern mitunter an C-Promis. Nach dem der Schock über das eigen Verschwinden in die Bedeutungslosigkeit überwunden ist, versucht man, sich mit aller Macht wieder ins Gespräch zu bringen.

Ex-Promis versuchen es mit Ausschweifungen, Dschungelcamp oder aber sie tingeln mit zweifelhaften Gesangseinlagen durch die Republik, begleiten Eröffnungen von Einkaufscenter und Baumärkten. Politiker geben statt dessen wirres Zeug von sich „Die Krimi war immer schon deutsch“ oder aber sie schreiben ein Buch. Manchen gelingt das sogar ohne die Hilfe eines Ghostwriters.

Die ehemalige SPD-Kanzelkandidat Peer Steinbrück hat jetzt, begleitet von Interviews (noch eine Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit wieder bemerkbar zu machen) sein neues Buch (selbstgeschrieben!) vorgestellt. Es nennt sich „Vertagte Zukunft: Die selbstzufriedene Republik“. Wenn man die Interviews liesst und der Begleitmusik lauscht, wäre wohl „Abrechnung eines Besserwissers“ der richtige Titel gewesen.

Die Kanzlerkandidatur war ein Fehler, und zwar meiner.
Peer Steinbrück im Interview mit dem SPIEGEL

Gegenüber dem Spiegel bezeichnete Steinbrück seine Kanzlerkandidatur als Fehler, spricht von Selbsttäuschung. Das ist, mit Verlaub, ein Arschtritt für all diejenigen, die für ihn Wahlkampf gemacht haben. Man hat als SPD-Mitglied nicht nur die Wahl sozusagen mit verloren, sondern bekommt nachträglich auf diese Weise noch von hinten einen Dolch in den Rücken gerammt. Wenn man Selbstzweifel an seiner Kandidatur hat, dann äußert man die entweder bevor man sich als Kandidat aufstellen lässt oder schweig hinterher. Aber so ist das halt mit der Beinfreiheit. Man nutzt sie gerne, um anderen vors Schienbein zu treten.

Peer Steinbrück gelingt es, sich auf die größtmögliche Distanz zur eigene Partei zu begeben ohne auszutreten. Gleichzeitig wird deutlich, was er von den Bürgern in diesem Land wirklich hält. Sie verweigern sich durch ihre misstrauische Haltung der Zukunft. Dabei ist es so, dass die Erfahrungen die Menschen gelehrt hat, wie wichtig Skepsis ist. Politiker brauchen oft Jahrzehnte, bis sie Fehlentscheidungen als solche erkennen. Dann kommt es zu 180 Grad-Wendungen, die für Gesellschaft wieder mit hohen Risiken verbunden ist. So löblich zum Beispiel der Ausstieg aus der Atomenergie ist, die Gefahr von Entschädigungszahlungen an die Energiekonzerne ist längst nicht abgewendet.

An Peer Steinbrück habe ich persönlich immer seine Offenheit, seine scharfen Analysen und seine (Selbst-)Ironie geschätzt. Und das obwohl Steinbrück zum rechten Lager in der SPD gezählt wird, während ich selber zur entgegen gesetzten Richtung tendiere. Mit seinen neusten Äußerungen bin ich alles andere als einverstanden. Wobei ich tief in meinem Herzen vermute, dass er im Kern recht hat. Seine Kandidatur war wirklich ein Fehler — schließlich hat die SPD die Wahl verloren. Allerdings nicht nur das. Die Partei hat auch ihren Markenkern und ihr Profil verloren. Trotz Erfolge wie Mindestlohn und Mietpreisbremse bleiben die Sozialdemokraten weiterhin im Umfragetief.

Zurück aber noch mal zu Herrn Steinbrück. Was, so die Frage, wäre denn eine Alternative zu seiner Kandidatur gewesen? Welcher andere Kandidat hätte „liefern“ können? Man sollte sich die Antwort auf die Frage gut überlegen, denn sie ist mit Blick auf die nächste Bundestagswahl immer noch von Bedeutung. Noch jemanden mit Beinfreiheit kann die SPD nicht gebrauchen. Genau so wenig wie jemanden, der trotz anhaltender Menschenrechtsverletzungen in Katar einen fairen Umgang mit dem Land fordert.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren