Keynote als Einschlafhilfe

Keynote als Einschlafhilfe

Für mich war es die erste Keynote von Apple, die ich in voller Länge ohne Zeitstress live vor dem heimischen Fernseher mitverfolgen konnte. Soviel zu den guten Nachrichten der „Spring Forward“ genannten Veranstaltung. Die fehlenden Aussetzer des Streams sind eventuell auch noch eine Erwähnung wert Ursache des Reibungslosen Streams dürfte mit Sicherheit das gesteigerte Interesse weltweit an der Vorstellung der finalen Apple Watch sein. Oder so ähnlich.

Zur Einführung und Einstimmung gab es ein Video von einem neuen Apple-Store in China. Ein politisch interessierten Zuschauer musste bei dem Film vermutlich auch an Menschenrechtsverletzungen in der Volksrepublik denken. Und die Frage, wer sich in China überhaupt ein Apple-Produkt leisten kann.

Als erste stellte Tim Cook, dessen Lieblingsvokabel eindeutig „amazing“ ist, eine neue Kooperation mit HBO vor. Das gesamte Angebot gibt es jetzt auch auf dem Apple TV unter dem Namen HBO Now, was man direkt mit dem Trailer zur neusten Staffel von „Game of Thrones“ (so also wird man CEO bei Apple) feierte. Der Spaß soll dann monatlich 14,99 US-Dollar kosten und wird vermutlich Kunden in den USA vorbehalten bleiben. Es selbst wenn es nicht so wäre: einen zusätzlichen Streaming-Dienst neben Netflix brauch ich zumindest nicht. Irgendwo sind Zeit und Geld für diese Form der Unterhaltung auch begrenzt.

Cook kam dann im Anschluss auf Apple TV zu sprechen. Im Vorfeld der Keynote gab es bereits Gerüchte um ein neues Gerät, um einen eigene Appstore für den kleinen schwarzen Kasten. Und, was zaubert Cook aus dem Hut? Einen neuen Preis, das Apple TV wird günstiger. Nett, ja. Aber deshalb wird man sich wohl kein zusätzliches Apple TV kaufen, wenn man bereits eins hat. Im Übrigen war das am Abend die einzige Preissenkung, denn alles andere wird teurer. Selbst das, was man nicht auf der Keynote zeige wie den iPod shuffle. Der kostet ab sofort nämlich nicht mehr 49, sondern 55 Euro. Bei ansonsten gleichen technischen Daten.

Das Apple TV verschwand von der Bühne, Auftritt von Health und dem neuen Research Kit. Ein Werkzeug für medizinische Forschungen, als Feigenblatt für die erhobenen sensiblen Daten als Open Source proklamiert. Mit iOS die Gesundheit der Menschheit verbessern. Ein schöner Traum, aber die Datensammwut der US-Amerikaner wirkt auf mich eher bedrohlich. Ist die Rettung von Leben eine Preisgabe sehr persönlicher Daten wert? Eine gute Ausgangsfrage für den Philosophie-Unterricht.

An diesem Punkt machten sich bei mir bereits erste Anzeichen von Müdigkeit breit. Vermutlich auch ausgelöst vom vielen Kopf schütteln. Etwas nervös rutschte ich auf dem Sofa herum und schauet auf die Uhr, ob noch genügen Zeit für den Abendeinkauf bleiben würde. Dabei ist „Uhr“ ein gutes Stichwort. Aber um die ging es erstmal nicht, sondern um ein neues Mac Book. Leichter als das bisherige Mac Book Air, welches allerdings seine Bezeichnung beibehält. Die Daten des neuen Mac Books sehen auf dem ersten Blick nicht schlecht aus. Ein 12 Zoll Retina-Display, 0,35 bis 1,31 cm dünn und wiegt weniger als ein Kilogramm. Eingespart wurde an fast jeder Stelle und so gibt es konsequenterweise nur noch einen einzigen Anschluss am Gerät. USB-C für alles. Für ein externe Display, zum aufladen, um eine externe Festplatte anzuschließen. Der passende USB-C-Digital-AV-Multiport-Adapter kostet stolze 89 Euro und muss selbstverständlich zusätzlich erworben werden. Die neue Tastatur mit eigenes entwickelten Schmetterlingsmechanismus ist nett, ebenso wie das Trackpad mit Taptic Engine. Wirklich Kaufgrund dürfte aber wohl die Farbauswahl sein, denn neben dem bisherigen Aluminium-Silber ist das Mac Book noch Space-Grau und Gold verfügbar — für mehr Bling-Bling, was aber nicht die fehlende Beleuchtung des Apple-Logs ersetzen kann.

Der gesamte Rest der Keynote bestand dann aus einer großen Werbesendung (ist das die Keynote eigentlich nicht immer?) für die neue Apple Watch. Ein Produkt, bei dem für mich schon im letzten Jahr bei ihrer erstmaligen Vorstellung feststand, dass ich sie mir nicht kaufen werden. Die gestern bekannt gemachten endgültigen technischen Spezifikation (abgesehen vom ausgefeilten Grad der Hässlichkeit) bestärken mich in dieser Entscheidung. Die Batterie hat eine Laufzeit von 18 Stunden bei guter Führung. Das ist weniger als ein Tag, Herr Cook — es sei denn, Apple verkündet die Verkürzung des Tages um sechs Stunden. Wasserdicht ist die Uhr natürlich nicht, nur wasserresistent. Man hört da schon die ersten Reklamationen klingeln. Zur Lesbarkeit des Display bei direkter Sonneneinstrahlung wurde nichts gesagt, wohl aber zu den vielen sinnlosen Funktionen, welche die Uhr bietet. Eine Micky Maus Uhr bekomme ich auch für unter 20 Euro in einem der größeren Kaufhäuser.

Wo wir gerade beim Preis sind. Los geht es mit dem günstigsten Model (Sport Watch) für 399 Euro. Dafür bekommt man ein Gehäuse aus Aluminium. Die Apple Watch, mit einem Gehäuse aus Edelstahl, fängt bei 649 Euro an. Über die aus Gold gefertigte Apple Watch Edition brauch man nicht ernsthaft zu diskutieren. Aufpreise gibt es für die unterschiedlichen Armbänder und Größen (38 und 42 Millimeter). Rein technisch sind aller Modelle absolut identisch.

Als mal im Ernst, Apple. Ich soll für eine einigermaßen schicke Uhr 649 Euro auf den Tisch legen die vermutlich eine fest verbaute Batterie hat und in zwei Jahren völlig überholt ist? Für die Summe bekommt man ein ordentliches Stück Handwerkskunst bei einem Uhrmacher seines Vertrauens oder zum Beispiel bei Manufactum. Mit den üblichen Automatikwerken hat sich die Frage nach der Batterielaufzeit bei den klassisch-zeitlosen Modellen erledigt.

Wirklich innovativ, Appel, wäre nicht die Kopie einer Smartwatch, sondern echte Innovation. Eine Smartwatch, die keinen externen Strom benötigt, sondern sich durch Körperbewegung auflädt. Oder durch Körperwärme des Trägers. Dafür hätte man durchaus ein paar Funktionen weglassen können.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren