Pfandringe — Moderner Ablasshandel?

Pfandringe — Moderner Ablasshandel?

Es kommt selten vor, dass mir es bei einem Thema unmöglich ist, einen eigenen Standpunkt einzunehmen. Beim Thema „Pfandringe“ schlagen, ach, zwei Herzen in meiner Brust. Bevor ich auf ein paar Argumente eingehe, die für den Einsatz von Pfandringen sprechen und ebenso solche darstelle, die die Gegenseite vorbringt, stellen wir uns erstmal ganz dumm. Was ist eigentlich ein Pfandring?

Ein Pfandring einfach gesagt ist eine Konstruktion aus Metall oder Kunststoff, die rund um einen öffentlichen Mülleimer angebracht wird. Der Pfandring selber dient dabei als Flaschenhalter für leere Pfandflaschen. Statt in dem Mülleimer oder daneben können Flaschen darin abgestellt werden.

© 2013 Pfandring by Paul Ketz / Fotos: Markus Diefenbacher
© 2013 Pfandring by Paul Ketz / Fotos: Markus Diefenbacher

Schaut man sich die Idee aus großer Distanz an, wird man sich wohl zunächst verwundert am Kopf kratzen. Ist denn nicht der Sinn einer Pfandflasche der, dass diese wieder zurück gebracht statt weggeworfen wird? Sollte das Pfand auf einer Flasche nicht dazu dienen, diese nach Konsum ihres Inhaltes bis zur Rückgabe wieder mit zunehmen? Hier treffen Theorie auf Praxis, vor allem aber auf die menschliche Bequemlichkeit und die Geringschätzung von kleinen Geldbeträgen. Wer als Feiernder unterwegs ist, möchte sich nicht mit einer leeren Flasche abschleppen. Ob darauf Pfand erhoben wurde oder nicht, spielt keine Rolle. Menschen sind so, wer etwas anderes glaubt, muss sich nur in einer Stadt wie Köln am frühen Morgen umsehen.

Halten wir also fest: Pfandflaschen werden trotz ihres eigentlichen Verwendungszwecks einfach entsorgt.

Es gibt Menschen in unserer Gesellschaft, bei denen die sozialen Sicherungssysteme aus verschiedenen Gründen nicht greifen oder die trotz staatlicher Unterstützung nicht über die Runden kommen. Einige davon greifen die herrenlosen Flaschen auf, um damit ihre Haushaltskasse aufzubessern. Man sieht sie in zahlreichen Städten, in S-Bahnen und auf Bahnsteigen. Bewaffnet mit großen Taschen, zum Teil mit Einweghandschuhen und LED-Lampen, um die Pfandflaschen aus dem Müll zu fischen.

Also: Es gibt Menschen, die offensichtlich auf das Sammeln von Pfandflaschen angewiesen sind

Bisher waren wir bei den Fakten, die sowohl bei Befürwortern als auch Gegner der Pfandringe als gesetzt gelten sollten. Aber jetzt wird es allerdings deutlich schwerer.

Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.
Konfuzius

Wenn es denn so ist, dass Flaschen einfach weggeworfen werden und es Menschen gibt, die diese einsammeln, läge es doch nah, etwas zu erfinden was diesen Menschen hilft. Also Pfandringe? Lassen wir so Blödsinn wie „Verschandlung des Stadtbildes“ außer Acht.

Für die Pfandringe spricht die Idee, Menschen die Flaschen sammeln diese Tätigkeit einfacher zu machen. Ihnen ein Stück weit Würde zurück zu geben und sie davon zu befreien, für die Flaschen auch noch im Müll herum zu wühlen. Genau das lässt sich aber auch umdrehen. Von Würde zu sprechen, wenn jemand darauf angewiesen ist, Flaschen zu sammeln, ist eine heikle Angelegenheit. Pfandringe lösen nämlich nicht das Kernproblem unserer Gesellschaft. Genau wie Einrichtungen wie „Die Tafel“ überdecken sie es nur.

Statt über Pfandringe nachzudenken, sollte Hartz IV unter die Lupe genommen werden. Gleichzeitig müsste sich unsere Gesellschaft fragen, ob wir alle Bedürftigen überhaupt mit staatlicher Hilfe erreichen (können). Pfandringe, so eine mögliche Deutung, zeigen das Versagen der Sozialpolitik.

Anstatt Pfandringe dekadent um Mülleimer zu montieren, sollten wir uns mal Gedanken machen, wie wir es verhindern können, das Menschen, die jahrzehntelang in die Sozialsysteme eingezahlt haben, im Alter darauf angewiesen sind, im Müll anderer Leute zu stöbern.
Oliver D. via Facebook

Die Kommentare bei Facebook zu einem Artikel in der Süddeutsche Zeitung sind vielfältig und regen dazu an, sich intensiver mit der Thematik auseinander zu setzen.

Das Pfandringe die Illusion erzeugen, man würde Gutes tun, wenn man seien leere Flasche darein stellt, ist nicht einfach von der Hand zu weisen. Pfandringen können möglicherweise wie eine moderne Form des Ablasshandels wirken. Man tut zwar sonst nichts für die Obdachlosen, aber mal 25 Cent Pfand hat man über für sie.

Ein wohl weiteres Problem bei den Pfandringen ist ihre Anziehungskraft auf Menschen, die normalerweise keine Flaschen aus dem Müll herausholen würden. Für sie sind die Pfandringe ein bequemes Angebot, auf dem Weg zum nächsten Einkauf noch mal eben Flaschen abzugreifen und denen hinzu zu fügen, die man in seinem Einkaufskorb von zu Hause dabei hat. Der Pfandring sorgt auf diese Weise sogar dazu, dass das Angebot an Flaschen für diejenigen, die wirklich darauf angewiesen sind, kleiner wird.

Zwei Dinge gibt es in Deutschland, die mitunter das Miteinander so wie auch Hilfsbereitschaft schwer bis unmöglich machen. Bürokratie und Bedenkenträger. Bei den vielen Kommentaren zu den Pfandringen (es kann natürlich auch sein, dass ich etwas übersehen habe) fehlt mir die Perspektive der unmittelbar Betroffenen. Hat eigentlich jemand mal die Flaschensammler gefragt?

Größere Veränderungen in unserer Gesellschaft benötigen Zeit. Auf kommunaler Ebene kann man zudem herzlich wenig tun, um eine Reform von Hartz IV anzustoßen. Aber man kann Pfandringe anschaffen. Die sind sicher keine Lösung, haben sie helfen möglicherweise. Betrachtet man sie als „Übergangstechnologie“ auf dem Weg zu einer anderen Sozialpolitik, wirken sie wie ein Schritt in die richtige Richtung. Sie sind immer noch besser als nicht zu handeln und sich in Debatten zu verlieren. Sie sind konkret und anfassbar.

Sie können ein Zeichen sein: „Wir wissen das sie keine Dauerlösung sind, aber immerhin sind sie ein Signal. Ein Signal dafür, dass wir uns des Problems bewusst geworden sind.

Das spannenden an den Pfandringen ist nämlich noch etwas ganz anderes, unabhängig davon wie nützlich sie denn sind. Sie sind ein sichtbares Zeichen für die Probleme in unserer Gesellschaft, ein stummes Mahnmal. So gesehen kann eine nicht genug Pfandringe geben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren