Wenn es dunkler statt Heller wird

Wenn es dunkler statt Heller wird

Während in anderen Wohnzimmer vermutlich irgendwas mit Rosemontag über den Bildschirm lief, führten meine Frau und ich uns eine Krimi-Konserve zu Gemüte. „Kommissarin Heller — Der Beutegänger“ bewies, dass man sich nicht nur an ollen Kamellen die Zähne ausbeißen kann.

Es gibt viele Krimis im Fernsehen, die zumindest etwas richtig machen. Bei Heller sammelte verzichtet man vermutlich ganz bewusst auf dieses Etwas. Allein schon die merkwürdige Zusammenstellung der Musik im Film verwunderte mich. Da passte nichts zusammen, die Übergänge waren völlig willkürlich. Die Anfangsszene tauchte man bewusst in Retro-Farboptik, damit auch jedem Zuschauer klar wird, dass es sich um eine Rückblende handelt. Richtig verstörend waren dann in der eigentlichen Handlung eingestreute Vorahnung und Erinnerungsfetzen, die ästhetisch abgesetzt wurden. Kann man gut finden. Kann man aber auch für total überflüssig halten.

Über Kunst, auch Filmkunst, lässt sich streiten. Über eine gute und plausible Handlung dagegen nicht. Versprochen wurde bei „Der Beutegänger“ (btw., ein dämlicheren Titel hatte man wohl gerade nicht zur Hand) folgendes:

An einem verregneten Abend in Wiesbaden geht die attraktive Susanne (30) am Rand des Stadtwaldes zum Joggen. Wenig später findet ein Spaziergänger ihre Leiche mit einer Chrysantheme, aufgebahrt wie ein Mahnmal. Susanne wurde vorher erwürgt, stellt die herbeigerufene Kripo fest […]
Quelle: ZDF

Es folgt eine weitere Frauenleiche so wie ein Stalking-Opfer, um welches sich Täter und Handlung drehen.

Heller ermittelt fieberhaft und macht bald eine haarsträubende Entdeckung […]
Quelle: ZDF

Für mich war die haarsträubende Entdeckung ein Krimi, der aus Versatzstücken zusammengeklebt wurde — logische Brüche inklusive. Mein Frau schaute mich am Ende des Films entsetzt an, denn sie konnte es einfach nicht glauben, was wir uns da angeschaut hatte. Die ganze Zeit wartete sie auf eine Erklärung, auf ein glaubwürdiges Motiv des Täters. Es kam nichts.

Der Mörder, ein Stalker, verkleidet sich als Frau. Die Transen-Nummer überzieht die Figur. Für mich stellt sich die Frage, ob ein echter Stalker wirklich Frauenkleider anziehen würde oder ob nicht eigentlich ein Widerspruch ist.

Zum Ende hin liefert die Frau des Mörders ihren Mann ans Messer beziehungsweise der Polizei aus. Zielsicher greift sie aus seiner Tasche einen USB-Stick und weiß auch ganz genau, wo sie die kompromittierenden Daten findet. Anschließend ist sie so cool ihm gegenüber, dass er keinen Verdacht schöpft — dabei wird sie die ganze Zeit über eher als Dummchen dargestellt.

Das ein IT-Experte seinen USB-Stick nicht mal ansatzweise verschlüsselt, muss niemand verstehen. Genau so wenig wie den Umstand, dass ein zur Bewachung abgestellter Streifenpolizist der Kommissarin ohne Widerspruch seine Dienstwaffe ausleiht.

Wirklich bescheuert (so viel Ehrlichkeit muss sei) ist jedoch der Handlungsort des Krimis. Warum bitteschön zieht das Stalking-Opfer genau dahin, wo ihr Verfolger aufgewachsen ist? Warum lebt sie offensichtlich in der Nähe des Ortes, an dem das Verhängnis für sie seinen Lauf nahm (die alte Winzerbrücke)? Vorher war sie in Hamburg, Dortmund und anderswo. „Du, der Krimi muss aber in Wiesbaden spielen!“ — „Kein Problem, bekommen wir schon hin.“

Im Übrigen: Der Krimi ist wohl der Versuch, das Buch „Der Beutegänger“ von Silvia Roth zu verfilmen. Auf der Krimi-Couche gibt es zur Vorlage ein paar Stimmen, die den Nagel auf den Kopf treffen, zum Beispiel:

[…]die ungelöste Frage, warum die Morde nach 26 Jahren des „Stalkens“geschehen?

Und bei einem großen Online-Buchändler wundern sich offensichtlich viele Leser des Buches über den Titel. Vielleicht sollte ja beim Zuschauer / Leser Beute gemacht werden. So was gelingt zumindest bei mir nur ein Mal, den noch mal werde ich mir Kommissarin Heller nicht antun.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren