Wozu Zeitung lesen?

Wozu Zeitung lesen?

Eigentlich dachte ich mich dem Thema Zeitung zumindest für die nächste Zeit durch zu sein. Für mich persönlich habe ich eine Lösung gefunden, entsprechend lese ich mittlerweile als Tageszeitung ausschließlich wieder — aber ich will hier nicht langweilen mit bereits Bekanntem. Unabhängig von Ausrichtung, Größe und Farbe einer Tageszeitung sollte sich dem geneigten Leser doch zunächst die entscheidende Frage stellen: Wozu liest man denn überhaupt eine Tageszeitung? Schnell hat man die Antwort ausgesprochen — „Um über das, was passiert, auf dem Laufenden zu bleiben“ — ohne vorher darüber nachzudenken. Eigentlich erfährt man in der Zeitung überwiegend von Ereignissen, die in der Vergangenheit liegen. Also nicht über das, was passiert, sondern was passiert ist.

Die tolle Tanzveranstaltung am Wochenende zum Beispiel, auf die man gerne gegangen wäre, wenn man vorher gewusst hätte, dass es sie gibt. Oder die Vollsperrung einer wichtigen Hauptverkehrsstraße. Wobei, in dem Fall steht so was vorher in der Zeitung, fällt also zumindest für diejenigen, die sie nutzen, in die Kategorie „unmittelbar nützliche Information“.

Vieles jedoch, was wir lesen, können wir nur zur Kenntnis nehmen. Weil es etwas betrifft, was in der Vergangenheit liegt oder aber weil wir keinen Einfluss darauf haben, nicht mal im unmittelbaren Umfeld — geschweige den auf weltpolitische Gegebenheiten. Man stopft demnach mit einer Tageszeitung regelmäßig Informationen in sich rein, die wenn man so will, keinen besonderen Nährwert haben. Also in etwa so, als würde man jeden Tag auf Fastfood Restaurant aufsuchen.

Wobei, der Vergleich hinkt etwas. Wer in ein Fastfood Restaurant geht, um dort etwas zu essen, hat einen konkreten Anlass: Hunger. Diesen versucht er zu stillen. Was versuchen wir mit einer Tageszeitung zu stillen? Unsere Neugier auf Klatsch und Tratsch? Das würde zumindest den Erfolg gewisser Blätter begründen. Informationen selber jedenfalls können nicht im Vordergrund stehen, denn meistens liegen diese dann bei uns nur „auf Halde“.

Möglicherweise ist es noch etwas ganz anderes, was eine Tageszeitung leisten kann (oder könnte). Sie erweitert unsere Allgemeinbildung. Insbesondere in Bereichen, die mitunter nicht primär in unserem Interessenbereich liegen. Bei Zeitschriften und Büchern wählen wir aus, was wir lesen. Die wenigsten von uns schauen über den Tellerrand, kaufen und lesen gar etwas, was ihnen völlig fremd ist. Bei Zeitung ist es anders. Durch die breite Themenaufstellung, da ja für jeden etwas dabei sein sollte, streift man Bereiche ganz automatisch, in die man sich sonst nicht trauen würde.

Selbst wenn sich jemand eigentlich nicht für den Wirtschaftsteil interessiert, kann es dennoch durchaus sein, dass er sich in den Artikel über die Produktionsbedingungen in indischen Textilfabriken vertieft. Möglicherweise sogar darüber nachdenkt, was er wo selber kauft an Kleidung. Oder aber jemand anders liest einen Kommentar zu einem Ereignis, was bei ihm dazu führt, die eigen Haltung dazu zu überdenken.

Zeitungen bestehen aus mehr als nur Nachrichten. Reportagen, Essays und Kommentare machen sie erst zu dem, was (zumindest mir) lesenswert erscheint. Den eigenen Horizont erweitern statt sich bestehenden Vorurteile bestätigen zu lassen. Wobei, viel Ehrlichkeit muss sein, es kommt auf die einzelne Zeitung an. Aber an diesem Punkt möchte ich mich dann wirklich nicht wiederholen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren