70 Jahre danach — Gedanken zum Gedenktag

70 Jahre danach — Gedanken zum Gedenktag

Heute vor genau 70 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee befreit, wie es offiziell heißt. Dabei hört sich „befreit“ neutral, geradezu positiv an. Befreit worden sind nur wenige von den Häftlingen, die meisten, insgesamt rund 1,5 Millionen Menschen, wurde im KZ ermordet – von den Nationalsozialisten und ihren willigen Helfern.

auschwitz photo
Photo by PolandMFA

Dem Holocaust, auf Hebräisch Schoha, fielen insgesamt über 6 Millionen Menschen in Europa zum Opfer. Erschlagen vergast, erschossen oder durch Hunger und unmenschliche Arbeit zu Tode gekommen. Vernichtet, weil es für sie im ideologische Weltbild der Nationalsozialisten keinen anderen Platz gab.

Das Grauen ist schwer in Worte zu fassen. Die, die es überlebten, als Opfer oder aber auch als Befreier, sind ihr Leben lang traumatisierte gewesen — nur noch wenige Zeitzeugen sind noch nicht gestorben.Was bleibt, sind Dokumente, Aufzeichnungen und Interviews. Für Die nachfolgenden Generationen der Opfer wird die Schoha immer Bestandteil ihrer Familiengeschichte sein, von dem sie sich nicht lösen können. Selbst wenn man es zeitweise verdrängt, holt es einen früher oder später wieder ein. So wie in dem bewegenden Film „Die Wohnung„.

Auch wenn es uns als Deutsche nicht passt, wir bleiben das Volk der Täter

Es ist immer wieder die selbe Frage, die im Raum steht. Sollte nicht irgendwann ein Schlussstrich gezogen werden? Schuld ist etwas, von dem sich der Schuldige nicht selber freisprechen kann. Selbstverständlich können die Kinder eines Mörders nicht für die Tat ihres Vaters zur Verantwortung gezogen werden. Genau so wenig, wie jeder Mensch mit muslimischen Glauben in „Sippenhaft“ genommen werden sollte für die Taten Einzelner.

Der Holocaust jedoch ist auf dieser Eben nicht vergleichbar. Bei ihm handelte es sich eben nicht um die Taten Einzelner, sondern um ein Verbrechen Vieler. Getragen und geduldet durch die Bevölkerung. Wer heute noch immer behauptet, es gäbe so etwas wie „nichts gewusst haben“, leugnet die Wirklichkeit. „Gewusst“ wurde auf vielfache Weise. Genau so, wie es viele Möglichkeiten gab, vom „plötzlichen“ Verschwinden seiner jüdischen Nachbarn zu profitieren. Wenn mittlerweile der Bürgermeister einer westdeutschen Stadt die Pläne verfolgt, auf dem Gelände einer ehemaligen Außenstelle des Konzentrationslagers Auschwitz eine Unterkunft für Flüchtlinge zu errichten, lässt das nur einen Schlussfolgerung zu. Es ist wird noch viel zu wenig getan, um den Holocaust in all seinem Grauen in Erinnerung zu halten.

Was die Erinnerung angeht, kann jeder von uns in  der eigenen Familie nachfragen. Bei uns in der Familie war der Holocaust nie ein Thema gewesen. Erst im Geschichtsunterricht der Schule kam ich damit in Kontakt. Meine Eltern konnten keine Antworten geben, weil sie selber nie gefragt haben. Mittlerweile gibt es in der Familie auch niemanden mehr, den man fragen könnte. Dabei weiss ich inzwischen, das meine Großmutter beim BDM war. Mein Großvater war viele in seinem Alter Soldat. Viel erzählt hat er nie aus dieser Zeit, obwohl er sein gesamtes Leben nicht mehr davon los gekommen ist. Noch bis kurz vor seinem Tod las er regelmäßig die „Landserhefte“. Was mein Großvater in der Wehrmacht getan hat, blieb mir verborgen. Nur das er an der „Ostfront“ war, das erwähnte er.

Der heutige Gedenktag gilt den Opfern. Er sollte uns aber auch an noch etwas erinnern: Das wir anfangen und nie aufhören sollten Fragen zu stellen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren