Erziehung zum Herrenmensch

Erziehung zum Herrenmensch

Es gibt Begriffe, bei denen sollte man vorsichtig sein. Und es gibt welche, die verwendet man am besten erst gar nicht. So wie den aus der Überschrift. Allerdings mangelt es mir an Alternativen für das Phänomen.

Wie bereits aus einigen meiner Erzählungen bekannt sein sollte, wimmelt es im Stellwerk 60 auch vor Latte-macchiato-Müttern. Erziehung ist für diesen Typ Mensch grundsätzlich etwas, was die Freiheiten des eigenen Kindes (manchmal: der eigenen Kinder) unnötig einschränkt. Man befürchtet geradezu, sie würde zu späteren Störungen führen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Ich für meinen Teil halte Erziehung für wichtig, auch im Hinblick auf das Zusammenleben der Menschen einer Gesellschaft miteinander.

Zur Erziehung gehört daher für mich auch Respekt. Respekt nicht nur vor anderen Menschen, sondern auch vor dem, was sie machen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren (zumindest solange es sich um eine legale Tätigkeit handelt). Das erstmal als Einleitung.

Ja ich weiß, ein Keks ist ein Keks. Auch wenn er auf eine Treppenstufe gefallen ist, besteht noch kein Grund, sich darüber aufzuregen. Gerade ich mit meiner Neigung zu Bluthochdruck sollte mir angewöhnen, so was zu ignorieren. Fällt mir aber schwer, siehe oben. Den der Keks ist eben nicht nur ein Keks, sondern auch Ausdruck einer Verhaltensweise.

Bei uns im Hausflur lag seit gestern Mittag einer herum. Ist wohl einem der Kinder heruntergefallen, dann traten mehrere andere Kinder drauf. Was man halt so macht, wenn man selber nicht putzen muss, sondern andere hat, die das für einen übernehmen. So wie die Putzfrau, die einmal die Woche den Hausflur macht.

Für mich ist dieser Keks Ausdruck von mangelnder Erziehung, von Respektlosigkeit. Natürlich verlange ich von niemanden, dass er auf Knien durch den Hausflur rutscht und seinen Dreck weg macht. Der Hausflur ist schließlich auch etwas, was eben dreckig wird durch Gebrauch. Dafür wird entsprechend wöchentlich gereinigt. Dennoch, so einen Keks hätte man aufheben können. Mir wurde beigebracht, das man sich einfach bückt und es selber weg macht.

Ob Putzfrau, Verkäuferin, Zeitungsbote oder Müllmann — es sind für mich Berufe, die von Menschen ausgeübt werden. Menschen, die fühlen, denken, träumen und denen man gefälligst auf Augenhöhe zu begegnen hat. Der Keks auf der Treppenstufe ist eine herablassende Geste. Man schaut auf das Personal herab, hält nicht nur den Beruf für Minderwertig, sondern auch die Person, welche ihn ausübt. So denken und handelten auch die selbsternannten Herrenmenschen. Wer Kinder so erzieht beziehungsweise eigentlich nicht erzieht hat vieles nicht verstanden — wobei ich fürchte, das es ihm schlicht und einfach auch egal ist.

Den Keks habe ich im Übrigen heute Abend weggesaugt, als ich vor unser Wohnungstür die Fußmatte sauber gemacht habe.

4 Replies to “Erziehung zum Herrenmensch”

  1. Herrenmensch ist wahrlich ein belasteter Begriff – und ich denke, in dem beschriebenen Zusammenhang auf fehl am Platz.

    Mit folgender Begründung: Wenn der Keks aus Achtlosigkeit hinuntergefallen ist, weil einfach in einer Hand das smart-phone mit dem dringendsten tweet zum Tag und in der anderen der Türschlüssel drückt, dann bleibt dem Keks nix anderes mehr übrig als einfach entlang der Schwerelinie abzustürzen.

    Respektlos vor allem dem Keks als Nahrungsmittel gegenüber – Millionen Menschen müssen hungern und würden jedes noch so kleine Krümel gerne verzehren.

    Respektlos diesen Menschen gegenüber – denn dadurch werden sie als Hungernde unsichtbar. Wenn mir bewußt ist, dass eben nicht alle im Konsumüberfluss verfetten, dann weiß ich in jedem Moment, wo sich meine Keks befinden.

    Vielleicht war einfach auch nur die Schultasche falsch gepackt – wenn es wirklich ein Kind war. Kann genauso gut ein Anfall von Heißhunger gewesen sein – und schon landet der fünfte Keks in der Hand auf dem Boden.

    Von Herrenmensch würde ich persönlich erst sprechen, wenn mir aus einem Gespräch mit dem Verursacher klar werden müsste, dass diese Handlung bewußt gesetzt worden ist, um anderen ein Verhalten aufzuzwingen – also boshaft der Putzfrau gegenüber, um ihr noch zusätzliche Arbeit zu machen.

    Ich denke bei mir selbst, dass diese schier endlose Verfügbarkeit in unserer Konsumgesellschaft die Achtlosigkeit und damit zusammenhängend die Respektlosigkeit heraufbeschwört. Ja, in diesem Zusammenhang könnte man von herablassender Geste sprechen.

    Kindern und Heranwachsenden sozial verträgliches Verhalten beizubringen, sie also zu erziehen, ist eine Mammutaufgabe, die die Eltern und die Umwelt fordert. Es geht um Grenzen, es geht um Einsicht, es geht um Empathie, es geht um Respekt.

    Alles nicht so einfach, schon gar nicht, wenn die Verfestigung sozial verträglichen Verhaltens im heranwachsenden Nachwuchs Wiederholungszahlen jenseits der gefühlten Erträglichkeitsschranke in Anspruch nimmt.

    Ich sauge diese Krümel auch weg – ist zwar erziehungstechnisch wahrscheinlich falsch, aber die Brösel sind weg.

    1. Ein langer Kommentar, erstmal Danke dafür! der Begriff „Herrenmensch“ ist wirklich provozierend an dieser Stelle — und vermutlich auch wirklich fehl am Platz. Die Achtlosigkeit jedoch kann ich nicht stehen lassen. Der Keks entspricht einer anderen Haltung, was auch bei vielen anderen Kleinigkeiten zum Ausdruck gebracht wird. Platz da, jetzt komme ich — so ließe sich das auf den Punkt bringen. Man ist alleine auf der Welt und die anderen stören, sofern sie nicht schweigend Platz machen und sich um die Entfernung von Dreck und ähnlichem kümmern.

      Bewusste Boshaftigkeit, nun ja, die ist wohl nicht im Spiel. Es ist eine Haltung, die von hochgradigem Egoismus geprägt ist.

  2. Na, ja, die Achtlosigkeit war ja nur eine Vermutung – Platz da, jetzt komme ich, wird möglicherweise auch zutreffen, aber solange die Übeltäterin oder der Übeltäter nicht bekannt ist, bleiben uns nur Vermutungen.

    Ja, Egoismus ist sicher im Spiel – was interessieren mich schon die anderen, Hauptsache mir geht es gut. Eine leider weitverbreitete Haltung, die zu lange „toleriert“ wird, bis es sehr spät ist.

    1. Was den oder die Übeltäter angeht, hab ich nur Vermutungen. Aber selbst der etwas größere Kreis „Verdächtiger“ umfasst recht egoistische Mitmenschen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren