Sicherheit ist ein Stück Pizza

Sicherheit ist ein Stück Pizza

Es gibt Gerichte, die uns erden. Die wir vielleicht aus der Kindheit kennen, uns geschmeckt haben oder nicht. Irgendwann im Laufe unseres Leben schmecken sie dann besonders gut, weil wir beim essen ein Stück weit zurückversetzt werden in die Kindheit, positive Momente heraufbeschwören können. Das wohl wichtigste Gefühl dabei ist das von Geborgenheit und Sicherheit.

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Die geschlossene Filiale im Kölner Hauptbahnhof

Für die einen ist es Linsensuppe, für die anderen vielleicht ein Stück Pizza, welches dieses positive Gefühl auslöst. Erfahren diese Gerichte durch eine Ereignis eine Umdeutung, kann man sich dem nicht entziehen. Sicherheit und Geborgenheit schlagen dann um in Fassungslosigkeit und Angst. SO ging es mir am vergangenen Freitag, als ich zum ersten Mal von dem erfuhr, was im Kölner Hauptbahnhof passiert war. Heute Morgen stand ich dann selber vor der geschlossenen Pizza Hut Filiale in der Markthalle des Bahnhofs.

Hier wurde am Freitag um 15:20 Uhr ein 27-jähriger Mitarbeiter erstochen, im Streit um eine Pizza. Der Täter, so ist der Presse zu entnehmen. Angeblich war der Kunde nicht mit dem Belag einverstanden, es entzündet sich ein Streit, der lautstark wurde. Dann kam es zu einem Handgemenge zwischen Mitarbeiter und Kunden, in Folge dessen der spätere Täter ein Messer zog und zustach. Die Wunde war so schwer, dass der 27-jährige noch an Ort und Stelle verstarb, Rettungsversuche blieben vergeblich.

Ob der Täter als gewaltbereit bei der Polizei bekannt ist oder nicht, ist dabei unerheblich. Es hilft einem nicht, die Tat zu verstehen. Ebenso wenig tröstet es die Hinterbliebene, die Frau des Opfers oder die vier Jahre alte Tochter, der am Freitag erklärt werden musste, dass ihr Papa nie wieder nach Hause kommen wird. Sie wird vermutlich im weiteren Verlauf ihres Lebens bei Pizza immer an ihren Vater denken müssen und auf welche Weise sie ihn verlor.

Wenn man vor den Kerzen steht, die trotz des Hinweises an der Scheibe brennen, umfasst einen dieses Gefühl, aus der Geborgenheit herausgerissen worden zu sein. Weder eine dunkle Ecke, noch war es mitten in der Nacht, sondern in einer voll ausgeleuchteten Passage am Nachmittag in einem Bahnhof, der für rund 300.000 Reisenden täglich Knotenpunkt ist. Das macht die Tat auch für Außenstehende zu etwas bedrohlichem. Verunsicherung greift nach einem, man schaut die anderen Menschen im Bahnhof ins Gesicht und weiss doch nicht, zu was sie in der Lage sind.

Beileidsbekundungen und Kerzen
Beileidsbekundungen und Kerzen

Eine Kleinigkeit kann schon der berühmte Tropfen sein, der das Fass zum überlaufen bringt. Beim späteren Täter explodiert innerlich etwas, es kommt zu einem Ausbruch unkontrollierter Gewalt. Wenn es nicht die Pizza ist, dann vielleicht die Zigarette, die trotz Verbotes angezündet wurde — auf den ruhig vorgebrachten Hinweis folgt dann ebenfalls ein Gewaltausbruch.

Wir verwenden bei so einer Tat häufig die Redewendung „am helllichten Tag“. Damit bring wir unsere Fassungslosigkeit zum Ausdruck, weil wir glauben, Mord und Totschlag würde es nur in der Dunkelheit geben. Der Totschlag ereignet sich in diesem Fall aber genau „am helllichten Tag“, mitten unter uns. An einem Ort, den wir niemals für gefährlich halten würden. Damit wird unser Urvertrauen erschüttert, welches für uns und die Gesellschaft als Ganzes wichtig ist. Die Tat wirkt daher über das tragische Einzelschicksal hinaus.

Es wird bei mir dauern, bis ich wieder ein Stück Pizza essen kann, ohne an das Geschehen denken zu müssen — obwohl ich zum Zeitpunkt der Tat nicht vor Ort war. Um vieles schlimmer muss es den Menschen gehen, die zu Zeugen wurden. Die mit ansehen musste, was passierte, vielleicht helfen wollten, ohne das Leben retten zu können. In einem Stück Pizza werden sie keinen Trost finden.

2 Replies to “Sicherheit ist ein Stück Pizza”

  1. Ich war zwar keine direkte Augenzeugin der Tat aber ich befand mich zu der Zeit ebenfalls im Hbf.
    Zu dem Wundern über die viele Polizei und den Rettungswagen vor dem Bahnhof kam dann die Gewißheit, dass was passiert sein muss, als die Ecke mit Flatterband abgesperrt wurde und von Polizisten abgeschirmt wurde.
    Wenn man dann anschließend immer mehr Details zu dem Verbrechen bekommt dann wird einem noch nachträglich immer mehr bewusst wie nah man wirklich dran war und wie erschreckend es ist, dass so etwas passiert! Und das alles während wir gemütlich beim Cappucino in der Bäckerei saßen, nur einige Meter davon entfernt….

    1. Bei mir war es mehr oder weniger Zufall, dass ich nicht im Bahnhof unterwegs war. Mein Friseur hat den Termin um eine Woche verschoben gehabt. Es wäre mir wohl wie dir gegangen…

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren