Luden tanzen auf dem Weg zur Kölner Kreuzigung

Luden tanzen auf dem Weg zur Kölner Kreuzigung

Im Sommer kam ich mit dem Schreiben meiner Krimis ins Stocken. Kein Schreibkrise, denn geschrieben wurde meinerseits fleißig weiter, wie man auch gut hier im Blog sehen kann. Nein, mich beschäftigte die Frage, ob die Entscheidung hinsichtlich der Ausrichtung „Polizeikrimi“ wirklich so geschickt von mir gewesen ist. Mein Anspruch ist beim schreiben, möglichst viel richtig zu machen. Ein Polizeikrimi müsste daher realistisch und vor allem glaubwürdig sein. Was allerdings dann am besten gelingt, wenn man in diesem Bereich über möglichst großes Hintergrundwissen verfügt — was aber immer kein Granat für eine gute Story ist.

Mein allererste Krimi, „Altmetall am Altrhein“, hat neben einigen anderen Probleme das Handicap, eher in die Richtung Kluftinger beziehungsweise Franz Eberhofer (Dampfnudelblues etc.) zu gehen. Mir rutscht einfach immer wieder ein gewisser Slapstick mit in die Handlung hinein, wohl auch eben aus Unwissenheit in Bezug auf den Polizeialltag. Zudem mag ich schrullige Figuren gerne. Meine wirklich dämlichen Dorfpolizisten habe ich sehr lieb, muss ich gestehen.

Um mein Problem in den Griff zu bekommen, fing ich im August an, mich mit Privatermittlern auseinander zu setzen. Gleichzeitig vertiefte ich literaturwissenschaftliche Grundlage. Mir reicht es nicht, wenn in einem Schreibratgeber steht, ich soll etwas so machen oder bestimmte Dinge vermeiden. Ich will wissen, warum das so ist. Bei mir verstärkte sich immer mehr auch der Eindruck, vieles wird einfach als gegen hingenommen, ohne hinter die Kulissen zu blicken. Für mich war das Buch „Aspekte erzählender Prosa“ so was wie eine Offenbarung (bei Gelegenheit werde ich dazu noch mal einen eigenen Beitrag schreiben). Parallel dazu kaufte ich mir „Kölner Luden: Sandmanns dritter Fall“, was aber über Wochen ungelesen auf meinem Bücherstapel im Schlafzimmer lag . Der Krimi fiel mir quasi vor die Füße als ich etwas anderes suchte. Zudem war es das Dritte Mal, dass ich dem Namen Stefan Keller begegnete — mehr dazu später.

Der Herbst kam, der Sommer wurde zu einer Erinnerung, aber mein Kernproblem hatte ich noch nicht gelöst. Stattdessen verschärfte es sich noch mal. So lernte ich, wie gefährlich es ist, wenn man sich zu gut mit dem Polizeialltag auskennt. Wenn man nicht aufpasst, verkommt der Krimi dann zu einer Reportage, im schlimmsten Fall zu einer langweiligen Reportage. Für mich gewann ich den Eindruck, dass das Genre Polizeikrimis bereits leichte Ermüdungserscheinungen aufwies. Die Grundkonstellation muss, um realistisch zu wirken, immer die gleiche sein. Als Autor bewegt man sich in einem Rahmen, der auch zu einer Fessel werden kann.

An Halloween war es dann endlich soweit. Bedingt durch eine längere Fahrzeit mit der KVB nahm ich „Kölner Luden“ zur Hand. Es kostet einiges an Überwindung, am Ziel und nicht erst an der Endhaltestelle, nach mehrfacher Aufforderung durch den Fahrer, die Bahn zu verlassen. Der Krimi zog mich in seinen Bann, was am besonderen Geschick des Autors Stefan Keller lag.

Dabei handelte es sich beim mir nicht um die erste Begegnung mit Stefan Keller. Ende März 2013, als es die Veranstaltungsreihe „Krimi und Kölsch“ noch gab, war Keller einer der geladenen Autoren. „Kölner Luden“ überzeugte mich damals eher weniger, aber die Begründung für die Figur des Privatermittlers fand ich nachvollziehbar. Ein Berufsanfänger kann lernen, wie der Autor selber — so nähern sich beide dem Genre, vor den Augen des Lesepublikums. Das klang nicht verkehrt.

Rund ein halbes Jahr weiter fiel der Name Stefan Keller am ersten NaNoWriMo-Sonntag im November. Zwei Schreiber, beide nach Studierenden, besuchten zu der Zeit ein Seminar von Keller an der Uni Köln und erzählten mir davon. Es war eine Krimi-Ecke am langen NaNoWriMo-Tisch im Stadtgarten. Mein Standpunkt war zu dem Zeitpunkt leider sehr einseitig auf die Polizeiarbeit verengt, was sich auch auf den Verlauf der Diskussion auswirkte.

Den NaNoWriMo 2013 absolvierte ich noch erfolgreich, auch wenn bei mir dann im Dezember die Luft raus war. Obwohl ich alles zu Ende geplottet hatte, fehlte mir die Energie zum weiterschreiben. „Das gibt sich wieder, Januar geht es weiter“, sagte ich zu mir selbst. Das Jahr 2015 kam, die ersten Wochen verflogen und langsam verlor ich den Anschluss an meinen vierten Krimi. Handlung und Figuren verblassten. Gleichzeitig wuchs das Gefühl, zumindest meinen ersten Krimi zu Ende zu bringen, also komplett verlagsfertig zu überarbeiten. Und dann kam, wenn man es so bezeichnen kann mein „Zusammenbruch“ beim Polizeikrimi.

Genau an diesem Tiefpunkt erreichte mich dann vor wenigen Wochen „Kölner Luden“. Der dritte Fall für Marius Sandmann (da wusste ich noch nicht, dass es mittlerweile einen vierten Krimi mit Sandmann gab). Selber gelesen wirkte der Hintergrund gar nicht mehr so aufgesetzt. Die beiden Zeitlininien fügten sich gut ineinander. Als Leser hatte ich das Gefühl, wirklich Unter Kranenbäumen so wie es früher gewesen sein muss, vor mir zu sehen. Die Anknüpfung an die Bilder von Chargesheimer ist geschickt. Man empfindet in schwarz-weiss. Den Fall wirket für mich auch alles andere als aufgesetzt. Kein billiger Serienmörder, sondern eine Verkettung von Umständen. Am Ende des in Rekordzeit ausgelesenen Krimis kannte ich nur eins: mehr davon!

Neben der Handlung und der Sicht als Leser fand ich auch als Autor genügend Material im Krimi, um einen Denkprozess bei mir in Gang zu setzen. Was bei „Kölner Luden“ wirklich hervorragend vermieden wird, sind künstliche Cliffhanger. Zudem wird einem nichts vorenthalten, um die Spannung zu steigern. Man weiss, was die Hauptfiguren wissen. Die Art, wie Sandmann als Privatermittler funktioniert, überzeugte mich letztendlich. Für sieht es ganz danach aus, als wäre diese die Lösung für meine Schreibprobleme, die eigentlich keine Schreibproblem sind, sondern mit dem Genre zu tun haben und dem gewählten falschen Schwerpunkt.

Das Bedürfnis nach mehr stillte ich mit dem ersten Krimi aus der Reihe „Kölner Kreuzigung“. Als Leser lernt man nicht nur die ersten Schritte von Marius Sandmann kennen, sondern fragte sich immer wieder, ob man nicht doch ein vorheriges Buch ausgelassen hat — so vielschichtig sind bereits die Charaktere angelegt. Extrem geschickt (und darin ist Stefan Keller wirklich gut) ist die Art und Weise, wie einem die Figuren vorgestellt werden. Keine lächerlichen Spiegel, vor dem eine Person tritt und sich von allen Seiten betrachtet. Man erfährt immer nur einen kleinen Happen. Und ist dann überrascht, wenn eine andere Figur über eine Figur, zu der man sich bereits ein Bild selber gemacht hat, nachdenkt. „Die dicke kleine Polizisten“ — für mich eine Überraschung. Einzig die Auflösung am Ende ist bei der „Kölner Kreuzigung“ noch nicht so gelungen. Da ich aber den dritten Krimi von Keller schon kannte, war es erfreulich, im ersten bereits zu erahnen, wie sich der Autor beim schreiben weiterentwickelt hat.

Sandmanns zweiter Fall, „Kölner Totenkarneval“ elektrisierte mich auf Grund seiner Beschreibung:

Es ist der Alptraum einer ganzen Stadt. Zum Karnevalssauftakt am 11.11. um 11 Uhr 11 sprengt sich ein Attentäter in einer überfüllten Kölner Kneipe in die Luft. Sieben Menschen sterben. Wenige Tage später präsentiert das ermittelnde BKA den türkischen Studenten Ali Öçzan als Täter. Niemand zweifelt an der Version des Attentats eines islamistischen Einzeltäters mit Verbindungen zum internationalen Terrorismus.
Quell: Gemeiner Verlag

Ein Bombenattentat, islamistischer Hintergrund — genau mein Thema in meinem zweiten Krimi. Würde ich den wie geplant auf einen Privatermittler anpassen, so meine Befürchtung, hätte ich mit viel Pech eine schlechte Kopie. Zum Glück funktioniert „Kölner Totenkarneval“ ganz anders, die Handlung und insbesondere die Auflösung sind bei ähnlichem Setting doch verschieden. Letztendlich hat jeder Autor auch noch seine ganz eigene Art, eine Handlung zu erzählen.

Wie dem auch sei, „Kölner Totenkarneval“ empfand ich als gelungen Fortsetzung des ersten Krimis. Über die drei Krimis hinweg habe ich gelernt, dass Lokalkolorit nie aufdringlich sein muss, sondern durchaus dezent seine Rolle als Rahmen erfüllen kann. Bei „Kölner Luden“ sogar ein Rahmen, ohne den es die Handlung nicht geben würde, den UKB ist einmalig. Die Art, wie Stefan Keller vorgeht, das Thema aufgreift und zu Ende führt, zeigt mir selber eine Richtung auf. Realismus darf in der Prosa niemals zum Fetisch werden. Sicher, der Leser sollte über keine Ungereimtheiten stolpern, aber er will kein Sachbuch lesen, sondern hat bewusst zur Unterhaltungsliteratur gegriffen. Deren primäre Aufgabe ist, daher die Bezeichnung, zu unterhalten. Nichts könnte das besser als eine spannende Handlung, welche einen in den Bann zieht.

Von Stefan Keller zu lernen heisst für mich, wieder schreiben zu können. Den im letzten Jahr verlorenen Faden aufzunehmen und damit bis ins Ziel zu rennen. Danke dafür, Stefan Keller!

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren