Das Knie, immer das Knie

Das Knie, immer das Knie

Der früher Pendler am Morgen neigt je nach persönlicher Grundeinstellung (Frühaufsteher oder nicht) dazu, im Zug etwas zu dösen. Besonders wenn die Nacht kurz oder der Tag hart war. Für mich erfüllt früh aufstehen bereits den Tatbestand der Körperverletzung. Es entspricht überhaupt nicht meiner Natur. Morgens in Gespräche verwickelt zu werden finde alles andere als angenehm. Ich will einfach nur meine Ruhe. Das zieht sich vom Aufstehen bis hin in den Zug, mit dem ich zur Arbeit fahre.

Das Pendeln mit dem ICE ist zwar bequemer als mit dem Regionalexpress, aber in der zweiten Klasse zumindest ist der Abstand der Sitze zueinander verbesserungsbedürftig. Wer wie ich über 1,80 Meter groß ist, muss seine Beine irgendwie sortieren. Meistens gelingt mir das nur sehr schwer. Auf der Hinfahrt habe ich zumindest den Vorteil, in einem sich ausdünnenden Zugteil zu sitzen. Da Dortmund Endstation ist, ist der ICE in Köln bereits leerer als andere Züge um diese Uhrzeit.

Kommen wir aber zurück zu meinem Beine. Selbstverständlich Strecke ich mein Bein an der jeweiligen Gangseite nicht aus und als Stolperfalle für andere Mitreisende auf. Manch andere Mitreisende neigen dazu, ein solches flegelhaftes Verhalten an den Tag zu legen. Bei mir steht maximal das Knie etwas raus. Etwas bedeutet in diesem Fall höchstens drei Zentimeter. Das ist wie ich zum meinem Leidwesen heute erfahren musste, schon viel zu viel. Hinter der Hohenzollernbrücke war ich etwas eingedöst, wurde dann kurz vor Düsseldorf unsanft geweckt. Ein Mitreisender aus der 1. Klasse zog seinen Rollkoffer ohne Rücksicht auf Verluste hinter sich her. Mein Knie war im Weg und ihm war das egal. Ein stechender Schmerz machte mich wach, auf eine Entschuldigung wartete ich vergeblich.

Immer noch müde und kurz bevor mir wieder die Augen zufielen, stellte ich die Fußstange hoch um meine Kniescheibe außerhalb der Gefahrenzone zu bringen — dachte ich. Der nächste Schlag gegen genau die gleiche Stelle erfolgt nicht durch einen Rollkoffer, sondern durch eine dicke Umhängetasche eine Damen aus der ersten Klasse, die unterwegs zum Ausgang war. Auch hier gab es keine Entschuldigung.

In Essen setzte ich mich in der U11 dann auf einen der Sitze, wo man in die Mitte des Gangs blickt. Meine Füße sogar ich eng an den Körper um weitere Unfälle zu vermeiden. Ein Anzugsträger mit Kopfhörern und doppelt bepackten Rollkoffer traf trotzdem exakt wieder die Stelle am Knie, die bereits schmerzte. Trotz lautstarkem Protestes meinerseits auch hier keine Entschuldigung. Mittlerweile war ich so geladen, dass ich wohl der nächsten Person, die meinen Kniescheibe auch nur berühren würde, selber Schmerzen zugefügt hätte.

Während ich diese Zeilen hier schreibe, hält sich der pochende Schmerz im Knie, es fühlt sich auch leicht geschwollen an. Vermutlich werde ich noch ein paar Tage „Spaß“ damit haben. Was meine Mitmenschen angeht, bin ich ziemlich entsetzt. Es mag vielleicht ein blöder Zufall gewesen sein, dass es mich dreimal am selben Tag erwischte. Aber rücksichtslos sind Mitreisende auch an anderen Tagen. Merkwürdigerweise, und das zeigt auch das Erlebnis heute morgen, sind es fast ausnahmslos Menschen in Anzug oder Kostüm, die ihre Rollkoffer wie Waffen einsetzen. Verluste werden wohl bewusst einkalkuliert. Möglicherweise sind Wasserträger aus größeren Firmen, zwischen oben und unten, die auf diese Weise Frust und Stress abbauen. Verständnis kann und werde ich dafür jedenfalls nicht aufbringen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren