Zombies fressen Wackelaugen

Zombies fressen Wackelaugen

Die 18 Jahre in der ostwestfälischen Diaspora haben mich geprägt. Mehr unfreiwillig als freiwillig, aber so ist das halt, wenn man „mal eben“ zum Studium nach Bielefeld zieht. Als Folge der dortigen karnevalistischen Mangelernährung hat sich bei mir eine gewisse Abneigung ausgeprägt, was den rheinischen Karneval angeht. Damit einher geht auch alles, was sich rund um das Thema Verkleiden dreht. Problematisch wird so was immer genau dann, wenn sich Kölner der Karnevalszeit nähert oder aber wenn man zu Anlässen eingeladen wird, bei denen eine Kostümierung erwünscht ist. Letzteres traf gestern zu. Um es gleich vorweg zu nehmen, es war gar nicht so schlimm, im Gegenteil, es hat richtig Spaß gemacht. Zu behaupten, ich hätte es sogar überlebt, ist bei einem Halloweenkostüm vielleicht etwas unpräzise.

Mumien-Teelichter
Mumienteelichter

Der Reihe nach. Im Vorfeld durchlief ich verschiedene Stadien, wie das halt so ist. Zunächst Verdrängung. Man schiebt es auf, sich damit auseinander zu setzen. Schließlich ist ja genügen Zeit. Die läuft allerdings irgendwann ab. Kurz vor dem Ereignis erreicht man dann den Zustand der Panik. Aufmerksam horcht man auf Körpersignale, ob es irgendwo ein Unwohlsein zum vorschieben gibt. In meinem Fall hatte ich unglaubliches Glück. Eine Reihe von zufälligen Ereignissen führte zu einer Kette, die am Ende so was wie eine brauchbare Verkleidung ergaben. Sogar eine, die mich schon etwas stolz machte.

Angefangen hat alles im letzten Jahr. Neugierig auf Pinterest meldete ich mich dort an, experimentierte etwas damit herum um anschließend das Thema für mich ruhen zu lassen. Vor anderthalb Wochen dann quoll mein E-Mail Eingangsfach förmlich über mit Benachrichtigungen von Pinterest. Ein Bild, welches ich aus einer Sammlung von Rezepten bei Pinterest bei mir hatte, wurde ständig geliked und geteilt. Erst löschte ich die E-Mails. Bis es dann so nervig wurde, dass ich online meine Accounteinstellungen aufrief, um die Benachrichtigungen abzuschalten. Gleichzeitig schaute ich nach, um welches Fotos es das ganze Theater eigentlich drehte. Es waren die „Mumienwürstchen“ — kurz vor Halloween ergab das einen Sinn. Neugierig schaute ich nach, was da sonst noch so zugehörte. Dabei stieß ich auf die Mumienteelichter, in die ich mich spontan verliebte. Einfach aber genial, dachte ich. So was wollte ich auch haben zur Ergänzung des Geburtstagsgeschenks (ich hatte bisher noch nicht erwähnt, dass die Halloweenfeier auch eine Geburtstagsparty sein sollte).

Die Mumienteelichter bestehen aus Twist-off Gläsern in unterschiedlichen Größen, einem Teelicht innen drin, Mullbinden und der „Geheimzutat“: Wackelaugen
So was bekommt man sicherlich in jedem besser sortierten Geschäft, nahm ich zumindest an. Damit lag ich leider daneben, denn die Beschaffung der Wackelaugen hier in Nippes blieb eine nicht zu meisternde Herausforderung. In der Verzweiflung wurde kurzfristig sogar erwogen (da sich der 31. Oktober immer schneller näherte), die Wackelaugen online bei einem hier aus Gründen des Anstands nicht näher benannten Versandhändler zu bestellen — per Overnight Express. Wie absurd das gewesen wäre, kann man schnell ermitteln, wenn man den Artikelpreis von etwas über einem Euro den Versandkosten von sieben Euro gegenüber stellt.

Mittlerweile hatten wir bereits Donnerstag. Und ich weder die Wackelaugen noch eine Idee, geschweige denn Ausstattung für meine benötigte Verkleidung. Der letzte Rettungsanker für die Wackelaugen war die idee. Filiale in Essen, die ich am Donnerstag Abend nach Feierabend aufsuchte. Im riesigen Angebot fand ich die Wackelaugen nicht, fragte eine Verkäuferin, die zu ein merkwürdige Wunde auf ihrer Wange hatte. Trotz ihrer Verletzung war sie sehr hilfsbereit, so dass ich die bei den Wackelaugen nur noch überlegen musste, welche Größe für mein Projekt in Frage kam. Auf dem Rückweg zu Kasse kam ich wieder an der Verkäuferin vorbei, die eine Gruppe junger Menschen beriet. Der Wortführer fragte sie, was man denn benötigen wurde, um „so was“ (er zeigte auf die Wunde der Verkäuferin) zu machen. Erst jetzt begriff ich, dass sich die Verkäuferin nur geschminkt hatte. Mit aufgestellten Ohren hörte ich den Erklärungen zu. Latex-Milch und Filmblut, das war das Geheimnis. Beide konnte man im Laden erwerben, ein ganzes Regal war voll damit. Einer spontanen Eingebung folgend ergänzte ich die Wackelaugen um Latex-Milch und Filmblut.

Kollege kommt gleich
Kollege kommt gleich

Bevor ich es vergesse, ganz herzlichen Dank noch mal an die Verkäuferin in der Essener Filiale. Ein wirklich großartige und kompetente Beratung!

Freitag, am späten Nachmittag, stand die Umsetzung an. Zuerst der leichte Teil, die Mumiengläser. Begeistert fotografierte ich sie auf dem heimischen Teppich. Nach Einbruch der Dunkelheit ging es dann daran, aus mir einen Zombie zu machen. Im Internet hatte ich mir noch ein paar zusätzliche Tipps für den Umgang mit Latex-Milch besorgt. Klaffende Wunden erzeugt man durch mehrere Lagen Latex-Milch, bei denen dann auch noch Streifen von Klopapier eingearbeitet werden. Auf der anderen Wange beschränke ich mich mit ein paar Schnittverletzungen. Es ist beeindruckend, was sich mit Filmblut dann draus zaubern lässt. Allerdings habe ich auch sehr deutlich gemerkt, wie groß der Qualitätsunterschied zu einfacher Karnevalsschminke aus dem Supermarkt ist. Die verläuft schon nach wenigen Stunden. Meine „Wunden“ dagegen hielten sich bis zum Ende frisch.

Im wahrsten Sinne des Wortes habe ich Blut geleckt. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich mich als Zombie herausgeputzt. Es gibt noch viel zu lernen und zu verbessern. Neugierige und anerkennende Blicke von Nachbarn und Fahrgästen (ich war in der Verkleidung gut 20 Minuten in der Stadtbahn unterwegs) belohnen die Mühe. Jetzt allerdings muss sich erstmal meine Gesichtshaut wieder erholen, denn Latex-Milch ist alles andere als Atmungsaktiv.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren