Männer unter Generalverdacht

Männer unter Generalverdacht

Krankenhäuser liegen mir nicht. Es gibt dafür biographische Gründe, wenn man so will. Als Patient habe ich ein Krankenhaus schon lange nicht mehr von innen gesehen — und würde es ebenso begrüßen, wenn das noch lange so bleibt. Selbst wenn ich im Krankenhaus „nur“ jemanden Besuch, verkrampfe ich mich. Ein beklemmendes Gefühl hat mich dann wieder im Griff, lässt mich schrumpfen und unsicher werden. Das Leben beschert uns immer wieder Situationen, die einen Krankenhausbesuch unvermeidlich machen. So war es auch gestern, als ich mit Nadine dort in der Notfallpraxis vorstellig wurde, weil sie einen eingeklemmten Nerv im Rippenbereich hatte (und leider immer noch hat). Der Schmerz war so stark geworden, dass er den Rücken hinauf strahlte, sie Schwierigkeiten beim atmen bekamen, eben weil jeder Atemzug neue Schmerzen bereitete.

Was mich dann ein Stück weit aus der Bahn warf, waren weder meine Befindlichkeiten in Bezug auf Krankenhäuser noch der wirklich Besorgnis erregende Zustand von Nadine, sondern die Art und Weis, wie man mit uns in einem Krankenhaus der Umgebung umsprang. Ja richtig, die „Behandlung“, wenn man so will, schloss mich in als Begleitperson in gewisser Weise mit ein.

Über Gebühr warten mussten wir nicht, dafür war an diesem Samstag Abend wohl auch noch recht wenig los. Es waren vielleicht 20 Minuten, die wir warten mussten. Bei einem Arzt mit Termin ist da manchmal sogar mehr. Zusammen betraten wir das Behandlungszimmer, ich nahm die Jacke von Nadine uns setzte mich auf einen freien Stuhl, während Nadine der Ärztin berichtete, aus welchem Grund wir in die Notfallpraxis gekommen waren. Die Fragen der Ärztin erschienen mir nicht spezifisch, aber als Laie kann ich es kaum beurteilen. Das Nadine ihren Pullover hochheben sollte zum Abtasten, kam mir normal vor, nicht jedoch die Begründung: um zu sehen, ob das Bläschen seien. Aber dazu komme ich später noch.

Die Diagnose war wenig konkret, es gab eine Empfehlung „doch mal zum Osteopathen zu gehen“. Statt ihr eine Spritze gegen die Schmerzen zu geben, oder zumindest Schmerzmittel, die Nadine direkt einnehmen konnte, gab es lediglich ein Rezept. Merkwürdig, wenn man wie ich weiß, dass Nadine mühe hatte, sich überhaupt einigermaßen zu bewegen. Vielleicht hat sie nicht genug gejammert, klang zu gefasst dachte ich schweigend bei mir. Ibuprofen 600 als Medikament ist wohl auch etwas, was man anscheinend gibt, um den Patienten irgendwas zu geben. Das man am Samstag Abend noch eine Apotheke mit Notdienst aufsuchen muss, um das Rezept einzulösen, lassen wir an dieser Stelle mal unter den Tisch fallen. Schließlich hätte ich auch den Mund aufmachen können, Schaf das ich war. Habe ich aber nicht und es war wohl auch besser so, wie Nadine und mir nach heute morgen deutlich wurde.

Wir sind die Szene in der Notfallpraxis mehrmals durchgegangen, jeder hat seine eigene Sichtweise, die zusammen schließlich zu einem vollständigen Bild des gestrigen Abends wurden. Den vernichtenden Blick zum Beispiel, den die Ärztin mir zu warf, als ich zusammen mit Nadine in den Behandlungsraum eintrat, hatte ich nicht bemerkt. Schließlich wurde uns klar, was es mit den Bläschen auf sich hatte. Die Ärztin wollte sehen, ob Nadine an den Rippen blauen Flecken hatte. Die stammten dann, so der vermutliche Erfahrungshorizont der Ärztin, von einem prügelnden Ehemann. Also von mir.

Mal abgesehen davon, dass ich seit Ewigkeiten niemand mehr geprügelt habe (an das letzte Mal, an das ich mich erinnern kann, war ich Schüler in der achten Klasse) habe ich noch nie ein Mädchen oder Frau verprügelt. Das ist für mich komplett unvorstellbar. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass jemand der mich nur ansatzweise kennt, so was von mir erwarten annehmen würde. Von der Ärztin überhaupt unter Verdacht gestellt zu werden und sei es nur für einen Moment, empfinde ich als verletzend und vor allem diskriminierend. Nicht jeder Mann prügelt seine Frau, nur weil er ein Mann ist. Eine solche Annahme entspricht einem Generalverdacht, welcher den Umgang miteinander vergiftet.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren