Die Lesung am Bahnhof

Die Lesung am Bahnhof

Die Premierenlesung von Myriane Angelowski kann eigentlich nur enttäuschen – zumindest, wenn man eine typische Wasserglaslesung erwartet hat. Wer jedoch bereits die Lesungen von Myriane Angelowski kennt, ahnte vielleicht schon im Vorfeld, worüber er sich freuen wird: eine abwechslungsreiche und spannende Lesung

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Aber der Reihe nach, so wie es sich gehört. Für mich sind Veranstaltungen, die um 19 Uhr irgendwo in Köln beginnen, eine sportliche Herausforderung, jedenfalls von montags bis donnerstags. Läuft alles planmäßig (man sollte hier bedenken, dass das zwei öffentliche Verkehrsmittel, also die EVAG und die Bahn einbezieht), bin ich um 18:42 in Köln-Deutz. Je nach Veranstaltungsort muss ich von da aus noch weiter. Die Premierenlesung des neuen Krimis „Das Haus am Königsforst“ von Myriane Angelowski fand zu meinem Glück in der Buchhandlung Ludwig im (nicht wieder Titel dieses Beitrags suggeriert am) Kölner Hauptbahnhof statt. Theoretisch muss man dafür nur mit der S-Bahn über den Rhein. Man kann sich leicht ausrechnen, wie knapp so etwas wird, zumal bei einer auf der Eintrittskarte angegebenen Einlasszeit von 18:30 Uhr. Mein Frau konnte mir einen Platz in der ersten reihe freihalten, was diesmal dann auch zu einem besseren Foto führte. Vom dem Tee-Ausschank im Vorfeld habe ich leider nichts mehr mitbekommen, aber immerhin kam ich nicht zu spät.

Zur Lesung selber und zu dem, was sie untypisch macht. Der Platz am Wasserglas bliebt um Punkt 19 Uhr (ich schätze es, gerade wenn ich mich abhetzt, wenn eine Veranstaltung auch wirklich wie geplant anfängt) leer. Stattdessen las Myriane Angelowski die ersten Seiten aus ihrem Krimi stehend, hinter den Stuhlreihen der Zuhörer. Die Stimme trug die einleitende Szene nach vorne, vermittelte einen Eindruck davon, wie Levi Fischbach auf Rendel Sukowa wirken musste.

Nach dem ungewöhnlichen Einstieg ging es weiter mit der Autorin, sitzend vor dem Publikum. Während es sich andere Autoren bei ihrer Lesungen recht bequem machen und einfach nur so viele Kapitel, beginnen mit dem Anfang, vorlesen, wie es die Zeit hergibt, plant Myriane Angelowski ihr Vorgehen. Ein Kapitel wird nicht vollständig gelesen, um den Zuhörer noch Spannung übrig zu lassen und zu motivieren, selber die Handlung zu entdecken.

Der Stapel Merci-Schokolade auf dem Lesetisch erklärte sich etwa zur Mitte der Veranstaltung. Myriane Angelowski verteilte die Tafeln an ihre anwesenden Testleser, betonte dabei, wie wichtig diese für ihre Arbeit seien. Weiter ging es mit Szenen aus dem Buch, an zwei Stellen musikalisch begleitet von klassischer Musik (passend zum Buch) von einem Plattenspieler.

Um etwas Interaktion in die Lesung zu bringen, gab es dann noch ein Spiel mit dem Publikum, bei dem es ein Exemplar des Buches zu gewinnen gab. In mehreren Fragerunden reduzierte Myriane Angelowski die Anzahl der stehenden Zuhörer. Meine Wenigkeit schied bereits am Anfang als einer der Wenigen aus, da diejenigen sitzen bleiben sollte, die das Buch bereits gelesen hatten (dazu später mehr).

Die letzte Szene, die fast vom Ende des Buchs stammt, wurde so abgeändert vorgetragen, dass die Namen der Figuren fehlten. So erzeugt man beim Zuhörer wirklich Spannung und Neugier.

Im Gegensatz zur Lesung von Andreas Eschbach blieb die Anzahl der Fragen aus dem Publikum überschaubar. Es wurde lediglich danach gefragt, ob auch eine Lesung im Königsforst selber geplant sei. Nach dem Schlussapplaus stand das Signieren an. Für mich kommt das bei E-Books eher weniger in Frage, daher reichte ich mich nicht in die Schlange ein.

Was nach einer guten Premierenlesung überbleibt außer den Eindrücken selber, ist die Frage, ob man das Buch kauft oder nicht. Für mich stellte sich diese Frage nicht, da ich diese Entscheidung am vergangene Wochenende getroffen habe. Zudem schaffte ich es gestern vor meiner Ankunft in Köln-Deutz, das letzte Kapitel von „Das Haus am Königsforst“ zu Ende zu lesen. Der Eindruck, den das Buch bei mir hinterlassen hat, ist etwas zwiespältig.

Wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte an dieser Stelle aufhören, ansonsten erfährt er möglicherweise zu viel.

Im Grunde zerfällt das Buch in zwei Teile, so wie es bereits auf der Rückseite des Buchs (die fehlt ja beim E-Book…) angedeutet wird. Der Mord, der sich zu Anfang ereignet, ist dabei ein Teil, der allerdings viel Raum im Buch einnimmt. Der andere Teil ist die Geschichte um die Familie Fischbach. Trennt man diesem vom ersten Teil, hat man keinen Krimi in der Hand, sondern eine Art soziologische Studie, die sich mit der Frage, wohin religiösem Fanatismus führen kann und was diesen Kindern antut, beschäftigt. Die Klammer, welche beide Teile versucht zusammen zu halten, ist die Polizeiarbeit in Gestalt der Kommissarinnen Lou Vanheyden und Maline Brass. Mein Eindruck ist, dass diese Klammer zu schwach ist. Die Polizeiarbeit ist ein Stück zu routiniert, manche Passagen wie zum Beispiel Lou in der Garage sind leider vorhersehbar. Was dem Buch fehlt, ist die Frische und Wucht von „Finkenmoor„. Möglicherweise hätte der Strang „Fischbach“ ausschließlich verfolgt werden sollen, parallel zu Finkenmoor ohne bekannten Ermittlerinnen. Sicher, es wäre dann kein „richtiger“ Krimi gewesen, hätte aber dann die eigentliche Thematik auf einen anderen Level gehoben.

Wer die Kommissarinen Lou Vanheyden und Maline Brass bereits kennt und mag, wird an „Das Haus am Königsforst“ auf jeden Fall seine Freude haben, weil die Figuren konsequent weiterentwickelt. Sucht man dagegen ein Buch zum verschenke der Autorin, würde ich für „Finkenmoor“ plädieren.

Eines zum Schluss noch: In „Das Haus am Königsforst“ wird für eine Figur die Ich-Perspektive verwendet. Die Autorin begründet das damit, dass man dadurch noch näher an der Handlung dran sei. Ich finde diese Perspektive in diesem Buch problematisch. Die Figur, Rica, trägt diese Perspektive nicht. Szenen, bei denen aus ihrer Sicht erzählt wird, sind zweifelsfrei spannend und bedrückend. Dennoch ist Rica meines Erachtens keine Hauptfigur. Die Ich-Perspektice „gebührt“ dem Täter (wie in „Blutlinien“) oder in diesem Fall Levi.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren