Verschleiert nicht die Demokratie

Verschleiert nicht die Demokratie

Zuerst kursierte der Vorfall gestern bei Facebook. Ein vollverschleierte Frau musste die Oper in Paris verlassen. Aus guten Gründen verkniff ich es mir, einen Kommentar im sozialen Netzwerk dazu abzugeben. Dann gab es heute morgen noch mal einen Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger dazu. Der Unterton ließ sich leicht herauslesen. Unverständnis für die Sänger der Oper, die sich weigerten weiter aufzutreten, solange die Frau vollverschleiert im Publikum säße.

Natürlich könnte ich mir auf die Zunge beissen und weiter dazu schweigen. Will und kann ich aber nicht. Meiner Meinung nach haben sich die Chorsänger nicht falsch verhalten. Zum einen, weil in Frankreich das vom europäischen Gerichtshof bestätige Burka-Verbot gilt. Zum anderen, weil es hier eben nicht um Toleranz geht. Die endet dort, wo ein negativ aufgeladenes Symbol eine Affront darstellt so wie die Burka oder die Niqab.

Ist es wirklich ein Affront — das wär die Frage, die Raum steht. Damit es nicht mehr um den Schleier an sich, sondern die damit verbunden Bedeutung beziehungsweise um die westliche Interpretation einer möglichen Bedeutung — um es vorsichtig zu formulieren.

Überspitzen wir das Ganze einfach mal. Wenn das Tragen einer Burka ok ist, weil es zur Kultur eines Landes gehört, warum sind dann Beschneidung von Mädchen und die Steinigung von Frauen nicht ok? Gehört ja auch zur deren Kultur. Alles drei verträgt sich nicht mit dem europäischen Verständnis von Menschenrechten und Demokratie (und machen wir uns nichts vor, Vollbärte und Burka sind auch ein politisches Bekenntnis) . Steinigung und Beschneidung, das sind harte Vergleiche, gebe ich auch zu. Nehmen wir also einfach das Verbot für Frauen, eine Auto zu fahren oder an Wahlen teilzunehmen — beides Dinge, die in vielen Ländern, wo Frauen Burka oder Niqab tragen müssen, zur Tradition gehören.

Wenn mir an meinen Werten etwas liegt, muss ich für sie auch eintreten. Und zwar ohne Einschränkung. Menschenrechte können nicht einfach an Landesgrenzen enden. Natürlich sieht die Wirklichkeit immer etwas komplizierter aus. Das bedeute aber nicht, dass ich es akzeptieren muss, wenn sich Touristen aus anderen Ländern in Europa so verhalten, wie sie es von zu Hause gewohnt sind. Wer nach Europa kommt, muss sich anpassen an das, was hier üblich ist. Das kann man auch von Gästen erwarten, genau so wie man es von mir erwarten kann, dass ich mir vor der Wohnungstür muslimischer Freunde meine Schuhe ausziehe.

Nur wenige europäisch Frauen würde auch auf die Idee kommen, in Saudi-Arabien im Bikini herumzulaufen. Man passt sich an. Oder sollte sich anpassen, was aber immer auch in beide Richtung gilt. Wenn man sich nicht anpassen will, bleibt man in seinem eigenen Kulturkreis. Das hört sich hart an, aber wir müssen uns einfach täglich fragen, ob Toleranz unbeschränkt ist oder aber ob es Dinge gibt, die nicht toleriert werden können, weil sie letztendlich für die Abschaffung der Toleranz stehen.

Für mich ist ein Vollschleier ein Symbol, welches ich nicht mit Toleranz, sondern mit dem Gegenteil verbinde. Frauen, die sagen, sie würden das freiwillig und gerne machen nehme ich genau so ernst wie Prostituierte die behaupten, sie hätten Spaß an ihrem Gewerbe. Beides verbinde ich mit der Unterdrückung der Frau.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren