Aus Kindern werden Jugendliche

Aus Kindern werden Jugendliche

Das Thema Spießer hatten wir ja bereits gestern — und wohl auch nicht zum ersten Mal. Ebenfalls nicht zum ersten Mal rege ich mich über die Kinder in der autofreien Siedlung auf, die eigentlich keine Kinder mehr sind, sondern Jugendliche.

Mittlerweile haben das auch andere Bewohner in der Siedlung offensichtlich festgestellt. Gestern gab es eine Vorab-Information per E-Mail zu einer geplanten Versammlung der Mitglieder des Nachbarschaftsvereins „Nachbarn60“. Sehr (be-)treffend formuliert: „Aus Kindern werden Jugendliche“. In der Mail heisst es dann unter anderem:

Was viele vorhergesehen haben, wird nun nach und nach Wirklichkeit: Jugendliche, die hier in der Siedlung leben, machen sich bemerkbar und suchen Raum, im physischen und vielleicht auch im übertragenen Sinne.

Genau so sieht das aus. Ein Stück weit muss ich die Jugendlichen allerdings in Schutz nehmen. Als Pädagoge weiss man, dass in dem „schwierigen“ Alter, also während der Pubertät, das gesamte Gehirn umgebaut wird. Manchmal können die Kinder beziehungsweise Jugendlichen gar nichts für ihr Verhalten. Und häufig verhält es sich auch so, dass es ihnen an positiven Vorbildern mangelt.

Ein einfaches Beispiel zur Verdeutlichung. Auch ich, wie die jeder andere, war mal in dem kritischen Alter. Auf die Idee, für meine Eltern einkaufen zu gehen, ganz freiwillig, wäre ich nie gekommen. Das trifft hundertprozentig auch auf die Jugendlichen in der Siedlung zu, alles andere käme einem Wunder gleich. Ohne Einkauf braucht man auch keinen Einkaufswagen. Ein solcher steht derzeit mal wieder in der Siedlung herum. Naheliegend, dass er von irgendwelchen erwachsenen Nachbarn stammt, die ihn aus Bequemlichkeit aus dem Supermarkt entführt und dann einfach abgestellt haben.

Wie mit dem Einkaufswagen verhält es sich mit vielen andern Dingen, so auch mit teilweise respektlosen Verhaltensweisen. Wie die Eltern so etwas vorleben, wie also soll sich ein Jugendlicher denn anders verhalten? Die aktuellen Probleme ausschließlich bei den Jugendlichen zu sehen, greift zu kurz. Es ist lediglich die „Bekämpfung“ von Symptomen, ohne aber die Ursachen in Betracht zu ziehen. Denn das wäre schmerzhaft, müsste man doch sein eigenes Verhalten hinterfragen.

Natürlich benötigen Jugendliche Raum, am besten eigenen Raum ganz für sich, so weit es geht ohne Aufsicht. Gleichzeitig aber bedarf es in der schwierigen Phase an positiven Vorbildern zur Orientierung. Erwachsen, die ihnen Werte vorleben. Ungeeignet sind Eltern als Vorbild, die genau so wenig Rücksicht auf ihr Umfeld nehmen wie der Nachwuchs. Erziehung ist auch Anleitung. Wenn die Kinder und Jugendlichen von ihrer Eltern ausschließlich Rücksichtslosigkeit und Egoismus lernen, führt es genau zu der Form von sozialer Verwahrlosung, die man überproportional deutlich in Großstädten wahrnimmt.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren