Spießerfreie Stadt Köln

Spießerfreie Stadt Köln

Vor gar nicht mal so langer Zeit war ich Betroffener des nachfolgend sinngemäß wiedergegebenen Dialogs.

Sehe ich das vielleicht etwas zu kritisch?
Du bist schon ziemlich spießig!

By: Gerhard KemmeCC BY 2.0

Immerhin durfte über 40 Jahre alt werden, bevor man (Name der beteiligten Person wird aus Datenschutzgründen verschwiegen…) mir wohl ganz offiziell das Schild „Spießer“ anpappte. Dabei fühle ich mich nicht wie das, was ich früher™ selber als spießig bezeichnet habe. Ich lege halt nur Wert auf etwas Ordnung, etwas Ruhe und durchschnittliche Sauberkeit. Ungeputze Fenster, so wie bei mir zu Hause, stören mich nicht. Wohl aber vor sich hingammelnder Sperrmüll, Abfall in der Fußgängerzone oder ein mit so Spielzeug vollgestopfter Hausflur, dass man den Hintereingang nehmen muss.

Aus dem wohlerzogenem Bielefeld hat es mich vor wenigen Jahren nach Köln verschlagen. Auf den ersten Blick ein guter Tausch, zumindest wenn man wie viele Kölner die Nase hoch trägt und seinen Blick niemals dem Boden zuwendet, auf dem man wandelt. Denn dann würde man realisieren, dass die Domstadt in ihrem eigenen Dreck erstickt. Ganz so dramatisch ist nicht, aber dennoch auffällig dreckig. Dabei scheint es ein natürliches Verhalten des Kölners an sich zu sein, seinen Müll einfach liegen zu lassen. Man kennt es von Kühen, die ihr Geschäft auf die gleiche Wiese verrichten, auf der sie auch grasen.

Nun könnte man sich darauf berufen, meine Sichtweise wäre kleinstädtisch (ist sie wahrscheinlich zu einem guten Stück), kleinkariert und ganz und gar unkölsch. Mittlerweile habe ich mich damit mehr oder weniger auch abgefunden, fest im Glauben, einer der wenigen Menschen in der ansonsten spießerfreien Stadt zu sein, die gewisse Verhaltensweisen der Mitbürger stört. Bis gestern etwas trostspendendes Licht in Gestalt eines Artikels der früheren Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner aus dem Kölner Stadt-Anzeiger zu mir herüber schien.

Der Artikel trug die passende Überschrift „Der Müll und die Edel-Clochards“. Bereits der Untertitel machte deutlich, was Frau Schock-Werner auf dem Herzen hat: „Der angeblichen Liebe der Kölner zu ihrer Stadt entspricht kein liebevoller Umgang mit ihr“.

Zusammengefasst macht sie täglich die gleichen Beobachtungen wie ich auch. Wo er geht und steht, lässt der Kölner in seiner geliebten Stadt seinen Müll zurück. Schuld- oder Unrechtsbewusstsein sind dabei nicht vorhanden. Man liebt seine Stadt und gleichzeitig beteiligt man sich aktiv darin, sie nach allen regeln der Kunst zu verdrecken. Anders als Frau Schock-Werner würde ich nicht von „Edel-Clochards“, sondern von „rheinischen Messies“ sprechen. Als Faustregel dabei gilt, je höher der Bildungsgrad, desto größer die (soziale) Verwahrlosung.

Besonders schämen muss man sich für die Gegebenheit, von der Frau Schock-Werner in ihrem Artikel berichtete. Es geht dabei um eine Grundschulklasse, die ihre Pausenbrote auf den Treppen vor dem Eingang zu den Domtüren verzehrten:

Am Ende standen die Kinder alle auf und ließen ihre Butterbrotpapiere, Plastiktüten und Getränkepackungen mitten auf der Treppe liegen. Ein Helfer der Dombauhütte, der die Fläche rund um den Dom sauber hält, wandte sich an die Lehrerin und bat darum, dass die Schüler doch bitte ihren Müll aufheben möchten. „Wieso?“, antwortete die Dame rotzig, „dann haben Sie ja nichts mehr zu tun.“
Quelle: KSTA 06.10.2014, S. 28

Fremdschämen allein reicht an dieser Stelle nicht aus. Das schlimme an dem Vorfall ist eine Verhaltensweise, die kein Einzelfall ist. Spießer, so glaube ich mittlerweile, ist möglicherweise sogar ein Kompliment.

3 Replies to “Spießerfreie Stadt Köln”

  1. Mit dem Müll ist echt manchmal nervig, auch auf dem Spielplatz wo ich mit meinen Kindern oft bin. Ich rege mich aber nicht zu sehr darüber auf, sondern hebe den Müll einfach auf und werfe ihn in die Mülltonne – auch wenn es nicht mein eigener ist. Mit gutem Beispiel voran zu gehen hilft manchmal mehr als zu meckern.

    1. Kann man sicher machen. Das würde aber auf Dauer zur Hauptbeschäftigung werden — und vor allem an der Ursache wenige ändern. Gutes Beispiel ist gut, aber bei Erwachsenen hilft das nicht mehr unbedingt.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren