Vorwärts, rückwärts — seitwärts digital

Vorwärts, rückwärts — seitwärts digital

Als SPD Mitglied ist man es gewohnt, monatlich ein Stück Geschichte auf totem Holz im Briefkasten vorzufinden. Das hauseigene „Mitgliedermagazin“ — gegründet 1876 als (Partei-)Zeitung. An den Verdiensten der Vergangenheit als Organ der Sozialdemokratie braucht man nicht zu rütteln. Damals sah die Presselandschaft auch ganz anders aus als heute.

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In der Gegenwart aber sei die Frage erlaubt, in wie fern der vorwärts auf Papier nicht überholt ist. Als SPD-Mitglied lese ich die Zeitung äußerst sporadisch. Was wohl auch mit meinem Bedürfnis nach unabhängiger Berichterstattung zusammenhängt. Ein Interview im vorwärts, bei dem ein Parteifunktionär so richtig in die Mangel genommen wird mit unbequemen Fragen, ist kaum vorstellbar. Meistens, so zumindest mein Eindruck, erhält man einen einseitigen, wohl auch gefärbten Blick auf die Dinge. Abgesehen vielleicht von Pro- und Contra-Diskussionen.

SPD-Mitglieder erhalten den vorwärts kostenlos. Man kann ihn aber auch an ausgewählten Kiosken käuflich erwerben. Ob das wohl jemand wirklich macht, kann nur der vorwärts-Verlag beantworten.

Wie alle Verlage auch so blickt auch der vorwärts in die digitale Zukunft. Zumindest hat er es versucht und vor einiger Zeit eine App angeboten, angereichert mit Bildstrecken und Videos. Angeschaut habe ich mir diese App genau ein Mal auf dem iPad. Aus meiner Sicht bot sie keinen wirklichen Mehrwert, wenn man mal davon absieht, sich seine Finger nicht mit Druckerschwärze einzusauen.

Genau so ging es wohl auch vielen anderen Mitgliedern, denn, wie der vorwärts in seiner aktuellen Ausgabe mitteilt, wird die am zum 1. November 2014 eingestellt und nicht weiter aktualisiert. Vielleicht waren die Erwartungen des Verlags falsch. Bevor man so eine App entwickelt, sollte man seine Zielgruppe genau unter die Lupe nehmen. Wer den vorwärts noch überhaupt noch liest, ob digital oder als gedruckte Ausgabe, ist von Bedeutung. Eine Auflage von 406.917 sagt noch nicht aus, wie viele der Zeitungen überhaupt zur Hand genommen und gelesen werden. Wir kennen das vom ADAC-Mitgliedermagazin.

Bei einer App, die sich Mitglieder installieren müssen und die eben nicht automatisch und ungefragt im Briefkasten landet, sind drücken die Zahlen nicht nur ein geringes Interesse aus, sondern ein grundsätzlich fehlendes Interesse am Produkt vorwärts selber. Spannend wäre hier eine „Leserumfrage“, bei der auch das Lebensalter abgefragt wird. Es könnte durchaus sein, dass diejenigen Genossen, die überhaupt noch regelmäßigen den vorwärts lesen, in einem Alter sind, wo sie sich kein Table oder Smartphone mehr anschaffen würden — um es mal so auszudrücken.

Statt die App in Frag zu stellen, sollte der Verlage und eigentlich die SPD das Printprodukt an sich in Frage stellen. Wie bereits erwähnt, wäre eine Umfrage zur Evaluierung geboten. Wägt man dann Verbreitungsgrad, Kosten und Nutzen ab, sähe die Zukunft für eine App anders aus. Es wäre dann vorstellbar, die gedruckte Zeitung zu Gunst der App aufzugeben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren