Siedlung voller Schnitzel

Siedlung voller Schnitzel

In unregelmäßigen Abständen gehört es einfach zum guten Ton, quasi als besondere Übung des Tages: jammern auf hohem Niveau. Die autofreie Siedlung in der wir wohnen, hat unbestritten auch ihre Vorteile. Aber eben nicht nur.

By: Jessica SpenglerCC BY 2.0

Es gibt Tage, da phantasiere ich vor mir her, ob man nicht den Zustand wie in Bullerbü durch Zusätze im Trinkwasser verlängern könnte. Kinder sind bis zum erreichen einer gewissen Altersgrenze auch in größeren Gruppe verträglich — ich wusste schon vor Jahren, warum ich ausgerechnet Grundschullehrer werden wollte.

Kommen die Kinder in die Pubertät, wird das gesamte Gehirn umprogrammiert. Ein Prozess, unter dem nicht nur die unmittelbar Betroffenen leiden, sondern das gesamte Umfeld. Problematisch wird das, wenn es auf engstem Raum in Massen passiert. So wie hier im Stellwerk 60. Während der kalendarische Herbst auch nach und nach das Wetter prägt, steigen meine Hoffnungen auf etwas mehr Ruhe vor der Haustür durch kältere Temperaturen zu Abendzeit. Über den Sommer war es, das kann man mir durchaus glauben, ein Vorgeschmack auf die Hölle. Wenn sich eine Gruppe von 10 Heranwachsenden unmittelbar unter dem eigenen Balkon trifft, herumalbert, brüllt Fußbälle vor die Mülleimer schießt und ähnliches, mag man selber nicht mehr auf dem Balkon sitzen. Unser Pflanzen vernachlässigten wir entsprechend, weil einfach die Lust auf den Balkon als solches vergangen war.

Besonders große Vorwürfe kann man den Kindern beziehungsweise Jugendlichen jedoch nicht manchen. Sie sind was sie sind und in viele Fällen ist es das Ergebnis von Erziehung — oder Nicht-Erziehung, was hier häufiger anzutreffen ist. Das Private ist das Öffentliche, so verhalten sich die Hälfte der Erwachsenen im Straßenabschnitt. Es wird laut vor der Tür telefoniert, oder aber direkt unter dem Balkon des Nachbarn von gegenüber. Die Haustür steht ständig (auch bei regen und Kälte) auf, damit alle alles mitbekommen. Nachbarn, denen das eher weniger gefällt, lassen die Balkontür lieber zu.

Es ist durchaus möglich, dass ich eine gewisse Empfindlichkeit habe. Meine Grundeinstellung ist eher die Ruhe, Nachbarn in unmittelbarer Nähe hatten ich da, wo ich groß geworden bin, nicht. Erzogen worden bin ich dahingehend, im Hausflur möglichst leise zu sein. Andere nicht zu stören halte ich auch nach wie vor für erstrebenswert, auch als Erziehungsziel. Seine Decke voller Krümmel über den Balkon des Nachbarn auszuschütteln finde ich daneben, ebenso wie den Umstand, einem talentfreien Kind eine Trompete zu kaufen, damit es zu Hause fleißig übt. In einer Siedlung voller Individualisten ist so was wie Ruhezeiten unbekannt — und Türklinken erfüllen keinen Zweck, da her muss man die Türen laut zuwerfen.

Mehrfach erwähnte ich die letzte Wohnung in Bielefeld in der Vergangenheit. Wir wohnten unmittelbar neben einem Kindergarten. Gestört hat mich das zu keinem Zeitpunkt. Und es waren erheblich mehr Kinder. Kinderfeindlich? Nein, allergische gegenüber erwachsene Akademikern, die ihre Kinder zu Egoisten heranwachsen lassen, für die keine Regeln mehr gelten.

Meine Frau und ich haben in den letzten Wochen lange darüber nachgedacht, wie wir uns wohntechnisch unsere Zukunft vorstellen. Hier in der Siedlung werden wir, so viel steht fest, auf Dauer nicht glücklich werden. Die Mischung passt einfach nicht, sie ist zu einseitig. Das sehen nicht nur wir so, sondern auch ein Nachbar-Ehepaar mit einer Eigentumswohnung, die fest entschlossen ihren Auszug planen. Auch für uns wir es in den nächsten Jahren mit Sicherheit weitergehen. Wir sind keine Großstädter, sondern Landeier — und mögen es nicht, in die Pfanne gehauen zu werden. Vermisse werden wir weder den Dreck in Köln, noch die unterschwellige Aggressivität. Die ist da, man muss sie nur sehen wollen. Was uns fehlen wir, ist das reichhaltige kulturelle Angebote und Veranstaltungen wie „Wein und Schnitzel“ gestern Abend bei unserer Lieblingsweinhändlerin.

Die Karte von Nordrhein-Westfalen vor Augen, ausgehen davon, dass meine Frau hier im Bundesland Lehrerin bleiben wird, reduzieren sich die Möglichkeiten schnell. Sauerland ist eher eine Vorstellung, die uns beide abschreckt. Aachen kennen wir nicht, es bleiben also die üblichen Verdächtigen. Zurück nach Bielefeld, Richtung Münster, an den Niederrhein oder etwas weiter nach Süden.

Bonn oder die Eifel haben ihren ganz speziellen Reiz. Da wir gerne wandern, wäre beides ein idealer Ausgangspunkt. Ein eigenes Heim in, sagen wir mal Euskirchen, hätte nicht nur preislich seinen Charme, sondern auch durch den Umstand, dass Köln nach wie vor erreichbar bleibt. Bielefeld haben wir eigentlich durch und Münster ähnelt in gewisser Hinsicht der Stadt am Teutoburger Wald. Ein Haus, bei dem gute Nachbarschaft auch durch einen ordentlichen Abstand zueinander definiert ist. So in etwa stellen wir uns das vor.

Schnitzel haut man, ähnlich wie Landeier, auch in die Pfanne. Sie werden aber vorher bekloppt. Ein ganze Siedlung voller „Bekloppter“ brauche ich nicht, auch wenn ich ansonsten Schnitzel mag und sie mit Wein wirklich munden — erträglich werden, passt hier nicht, aber man kann sich den Teil dazu sicher denken, auch im übertragenen Sinne.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren