Mitleiden statt mitreisen

Mir geht es beim bloggen in gewisser Hinsicht ähnlich wie Stefanie. Die so genannten „Wutbeiträge“ schreiben sich immer am schnellsten — ich muss dazu lediglich an den vergangenen Samstag denken.

Fast schon prophetisch am Montag Morgen
Fast schon prophetisch am Montag Morgen

Manchmal ist es jedoch ratsam, seiner Wut nicht sofort freien Lauf zu lassen. Eine länger Spaziergang, am besten sogar eine Nacht darüber schlafen, bevor man sich möglicherweise zu unangemessenen Äußerungen hinreißen lässt. Bei mir kommt noch hinzu, dass ich, wenn ich mich über etwas richtig aufrege, total müde werde. Insbesondere dann, wenn ich zuvor ungeplant viereinhalb Stunden unterwegs war — für eine Strecke von etwas über 80 Kilometer. Die bin ich gestern Abend weder gelaufen noch mit dem Fahrrad gefahren. Nein, ich versuchte lediglich mit der Bahn nach Hause zu kommen.

Nach einem Unwetter hatte es in Mülheim die gesamten Oberleitungen erwischt. Da ich bei Twitter @DerWesten folge, erfuhr ich zumindest rechtzeitig vor Feierabend davon und konnte mich etwas drauf einstellen, so dass ich bereits um 16:45 Uhr das Büro verließ. Ein ortskundiger Kollegen stattet mich für den etwas früher angetretenen Heimweg mit einem Zettel aus, auf dem er die Straßenbahnverbindung von Essen nach Duisburg notiert hatte. Das war auch bitter nötig, denn die Mitarbeiter der Bahn am Essener Bahnhof waren restlos überfordert. Von Krisenmanagement scheint die das Unternehmen noch nichts gehört zu haben. Eines der „Rotkäppchen“ nannte zwei Alternativen, um nach Duisburg zum Bahnhof zu kommen. Entweder mit der Straßenbahn, für die man ein Ticket kaufen müsse (die Details wie die richtige Verbindung ab Mülheim unterschlug er in seiner Auskunftsfreudigkeit) oder aber kostenlos mit Taxis vor dem Essener Bahnhof. Ungünstigerweise wussten die Taxifahrer davon nichts und nannten einen Betrag von 45 Euro für die Beförderung. Es war die gleiche Situation wie Anfang Juni, wo sich die Essener Taxi-Fahrer auch nicht mit Ruhm bekleckert hatten.

Mut durch den Zettel in meiner Hosentasche schöpfen beschloss ich, mit der Straßenbahn (U18) zu fahren. Entsprechend der Situation war diese wirklich randvoll. Von Essen nach Müllheim stehen, welcher Pendler träumt nicht davon. In Müllheim stieg ich um und hatte das Glück, dass die Linie 901 am Bahnhof neu eingesetzt wurde. Zumindest ein Sitzplatz bis Duisburg, wobei mir etwas mehr Sauerstoff auch genehm gewesen wäre.

Unterwegs hoffte ich, problemlos ab Duisburg weiter zu kommen. Nach einer längeren Orientierungsphase fand ich den Bahnhofseingang — und dort leere Anzeigetafeln. Das gleich Spiel auf sämtlichen Bahnsteigen. Kein einziger Zug wurde angezeigt. Durchsagen gab es nur sporadisch. Der nur mit einer Person besetzt Infostand war hoffnungslos belagert. In der Luft lag Lynchjustiz. Nur mittels Fahrplan-App auf dem iPhone erfuhr ich von einem ICE aus Amsterdam in Richtung Düsseldorf und Köln. Damit kam ich dann immerhin bis nach Düsseldorf, denn bereits kurz vor dem Bahnhof hieß es, das Zugpersonal müsste einen Reset durchführen. Das könne 10 Minuten aber auch durchaus 40 Minuten dauern. Man empfahl den Reisenden, doch einen anderen ICE zu nehmen, der in 15 Minuten fahren würde — von einem anderen Bahnsteig.

Dummerweise habe ich mich darauf eingelassen und bin nicht sitzen geblieben. Der angekündigte ICE um 19:27 Uhr, mit 5 Minuten Verspätung kam nämlich gar nicht. Auch nicht um 19:50 Uhr, als man ihn einfach ohne Durchsage von der Anzeigetafel nahm. Dafür fuhr dann der ICE aus Amsterdam um 19:30 einfach davon, ohne das irgendjemand informiert wurde.

Am Ende saß ich dann im RegionalExpress nach Aachen und gelangte so zum Kölner Hauptbahnhof. Von dort konnte ich aus bekannten Gründe nicht mit der S6 nach Nippes fahren, um vom dortigen Bahnhof in acht Minuten zu Hause zu sein. Ich musste mit der U-Bahn bis zum Ebertplatz und von dort mit einer anderen Linie Richtung Nippes, Haltestelle Florastraße, wo noch ein deutlich länger Fußweg vor mir lag.

Gegen 21:15 Uhr traf ich dann zu Hause ein. Was mich wütend macht, ist dabei nicht der durch das Unwetter entstandene Schaden. So was passiert, da kann die Bahn nichts dafür. Es ist allerdings skandalös, wie man dann damit umgeht. Man überlässt seine zahlen Kunden einfach sich selber. Hand in Hand wird dort auch nicht gearbeitet, denn sonst hätten sich die Mitarbeiter an den einzelnen Bahnhöfen abgestimmt. Mit brauchbaren Durchsagen ließe sich auch bei massiven Beeinträchtigungen des Bahnverkehrs die Informationspolitik erheblich verbessern. Wenn man damit als Unternehmen überfordert ist, stellt sich die Frage, ob man der Richtige für Job ist.

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