Sitzplätze für Referendare und Aliens

Sitzplätze für Referendare und Aliens

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das hat manchmal Vorteile, zum Beispiel für Entführer, Terroristen oder Vertreter. Häufiger jedoch nerven Gewohnheiten, besonders die, die andere Menschen um uns herum haben.

Während meines (von mir) viel zitierten Eingangspraktikums in der Laborschule Bielefeld musste ich mir um so etwas wie einen Sitzplatz im Lehrerzimmer keine Gedanken machen. Das kam dann erst bei späteren Praktikum an einer Grundschule in Bielefeld Brackwede. Noch vor der ersten Stunde gab es eine Besprechung mit der betreuenden Lehrerin in einem bis auf uns ansonsten leerem Lehrerzimmer. Wir Studierenden machten Anstalt, uns einfach irgendwo auf einem Platz hin zusetzen, als es dann entrüstet von einer gerade hereinkommenden anderen Lehrerin hieß: „Da sitzt der Herr Schmidt schon seit über 20 Jahren!“

Ich hatte mich ohne es zu wissen auf den Platz von Herrn Schmidt gesetzt. Dabei lag nicht mal ein Badehandtuch über dem Stuhl. Das gerade Lehrer, die offen sein sollte für Neues, für Veränderungen, so an ihrem Platz hängen, gruselte mich.

Spulen wir die Zeit weiter vor, genauer gesagt zu letztem Freitag. Aus Gründen, die man hier im Blog nachlesen kann war ich am frühen Nachmittag an der Schule meiner Frau, zur moralischen Unterstützung. Laut Absprache durfte ich auf sie im Lehrerzimmer warten. Selbstverständlich kommt man als Externer da nicht einfach so rein, man muss sich im Sekretariat anmelden, was ich auch tat. Ich wurde das ins Allerheiligste geführt und durfte mich an den Tisch für Referendare setzen. Hört sich nach Katzentisch an, ist für einen Laien von einem normalen Lehrersitzplatz zumindest an diesem Gymnasium in Köln nicht zu unterscheiden.

Für mich waren das mehrere neue Erfahrungen, nach sehr langer Zeit wieder in einem Lehrerzimmer zu sitzen. Im Gegensatz zu den Lehrerzimmer aus meiner Erinnerung war es keine Version von Artus „Ritter der Tafelrunde“, bei der an prominente Stelle an einem Konferenztisch der Schulleiter sitzt, sondern kleinere Tische zu Sitzgruppen angeordnet. So was wirkt deutlich einladender. Warum dann Referendare an einem eigenen Tisch zu sitzen haben, brachte ich leider nicht in Erfahrung — dazu muss ich wohl noch mal bei meiner Frau nachfragen.

Ein wenig fühlte ich mich im Lehrerzimmer wie ein Alien. Man grüßte mich zwar höflich, vermied ansonsten jedoch jegliche Kontaktaufnahme. Selbst den Referendarinnen, die sich nach einiger Zeit am Tisch einfanden, blieben auf Distanz. Dem Anlass entsprechend angezogen trug ich ein Hemd, wobei ich eigentlich fast immer Hemden trage, es also für mich nichts besonderes ist. Die Lehrer wirkten in der Mehrzahl, nennen wir es einfach mal „legere gekleidet“. Erst mit dem Eintreffen meiner Frau klärte sich die Situation auf. Man hielt mich für einen Fachleiter — zu jenem Personenkreis gehörenden, die Lehrer ausbilden. Das Schweigen war wohl hier weniger Desinteresse, sondern mit einem Schuss Angst vermischter Respekt. Nun ja. Als Fächer schrieb man mir Religion und Mathematik zu, für mich schwer nachvollziehbar.

Am Rande sei noch erwähnt, dass ich vor Ort wieder genau dieses beklemmende Schulgefühl hatte. Schulen sollten eigentlich offene Ort sein, die weder erdrücken noch Angst einjagen — aber das wäre jetzt ein ganz anderes Thema.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren