Österreich kann mehr

Österreich kann mehr

Manchmal gelingt es auch mir, über den Schatten zu springen. In einem Sommer, der keiner war, gelingt es mangels Sonne besonders leicht. Vom Traumata meiner Kindheit in Bezug auf Österreich rede ich hier nicht, um mir die Laune nicht zu verderben. Gestern gab es bei „Weinhaus im Viertel“ eine Weinprobe mit dem Schwerpunkt Österreich. Gleich zu Beginn erlebte ich die erste Überraschung. Verkostet werden sollten vier weiße und fünf Rote Weine. Rote Weine und Österreich? Mein Bild bisher war geprägt von Österreich als reines Weißwein-Land (umgekehrt verbinde ich mit Frankreich ausschließlich Rotwein). Das Österreich mehr als nur Weißwein zu bieten hat, hätte ich allerdings schon anhand der Landesfahne erahnen können.

By: Armin GruberCC BY 2.0

Wir starteten gestern zünftig (sag das man das so in Österreich?) mit einem Heurigen. Das ist natürlich kein Wein aus dem laufenden Jahr, es käme auch einem Wunder gleich, Wein trinken zu können, bevor seine Trauben geerntet wurde. Heuriger meint jungen Wein aus dem letzten Jahr, ähnlich wie in Frankreich der Primeur. Allerdings anders als hierzulande der Federweiße, denn das ist wirklich etwas aus dem laufenden Jahr. Traubenmost, dessen alkoholische Gärung gerade begonnen hat und der gerne zusammen mit Zwiebelkuchen im Spätsommer / Frühherbst auf den Tisch kommt.

Heuriger ist dagegen schon vollständig Wein, allerdings nicht ausgebaut. Spannend wird es dann, wenn man ein und die selbe Rebsorte, in diesem Fall „Grüner Veltliner“ einmal als Heurigen (aus Niederösterreich) und einmal als ausgebauten Wein (aus Gols) vergleicht. Bei gleichem Jahrgang kann selbst der Laie eindeutige Unterschiede erschmecken. Und wer verschnupft ist, merkt es spätestens am Preis, denn ein ausgebauter Wein kostet deutlich mehr als an Heuriger. Überhaupt soll, so wurde uns erzählt, Österreich eher eine hochpreisige Weinregion sein. Schaut man sich auf einer Karte die Weinbaugebiete in Österreich an, bündelt das sich alles im Osten der Republik.

Die nächsten beiden Weißweine waren ein Chardonnay und ein Gelber Muskateller. Den Chardonnay fand ich zwar auch interessant, aber es zieht mich bei den verkosteten Weißweinen eindeutig zum Grünen Veltliner hin, einer autochthonen (ursprünglich aus der Region stammenden) Rebsorte. Zu meinem Bedauern war es nach dann auch schon zu Ende mit den Weißen, es ging hinüber zu den Roten — und nur kurz hielt das Bedauern an, denn den Start in die rote Runde machte ein Blaufränkischer (eine ebenfalls autochthone Rebsorte) Landwein. Landwein, das klingt nicht nur preislich nach Tankstelle, Kopfschmerzen und Dinge aus der Jugend, die man mit etwas Glück wieder vergessen hat. Den Landwein, welchen wir vorgesetzt habe, war schnörkellos aber dennoch höchst sympathisch. Trotz Schraubverschluss und 1 Liter Flasche etwas, was man guten Gewissens auch Gäste vorsetzen kann. Vielleicht aber liegt meine Einschätzung an dem derzeitigen Hang, eher Rotwein mit weniger Tannin zu mögen (wobei das auch nicht ganz korrekt ist, denn es gibt durchaus Rotweine, bei denen ich einen hohen Tannin-Gehalt mag). Wie dem auch sei, vom Blaufränkischen Landwein kann man zu zweit locker an einem Abend eine Flasche leeren, ohne am nächsten Tag in den Seilen zu hängen.

Das man aus Blaufränkischem auch mehr als nur Landwein machen kann, bewies der zweite Rote. Wie der zweite Grüner Veltliner stammt der Blaufränkische vom Weingut Schreiner, der sich dem Leitsatz „Guter Wein entsteht im Kopf“ (aber über die Webseite mit Flash-Header sollten wir noch mal reden…) verschrieben hat.

Nummer sieben auf der Verkostungsliste war eine kleine Überraschung. Ein koscherer Wein vom Weingut Wohlmuth. Das Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Zweigelt, Pinot Noir wird Oberrabbiner Kotel Dadon aus Zagreb kontrolliert. Warm geworden bin ich mit dem Wein eher weniger, was aber andere Gründe hatte.

Die letzten beiden Weine des Tages (und frühen Abends) wurde aus der Rebsorte „Zweigelt“ erzeugt, eine recht junge Kreuzung aus Österreich. Der „Kellermeister Privat“ protzt auf der Rückseite mit einem Hinweis, ihn gäbe es auch beim Opernball — ein typisch österreichisches „Unterstatement“, was der Wein nicht nötig gehabt hätte. Auch wenn der Name mich stark an „Kellergeister“ erinnerte (böse Dinge aus der Vergangenheit…), so gehörte er für mich zu den geschmacklichen Highlights. Ein ausgewogener Geschmack, nicht ganz so kompromisslos wie der letzte Österreicher, der Alexs Zweigelt Heideboden wieder vom Weingut Schreiner.

Außer Konkurrenz spielte dann nur zum Vergleich ein deutscher Zweigelt, der allen Anwesend deutlich klar machte, wo die Unterschiede liegen. Zum ersten Mal bei dieser Weinprobe landeten von fast allen Teilnehmern große Mengen aus dem Probenglas im Restekübel.

Ausgestattet mit dem Landwein beschlossen wir zu zweit zu Hause den Tag mit Begleitmusik von Hans Moser („Die Reblaus“) zum Essen, um anschließend dann den Tatort „Paradies“ von letzter Woche zu sehen. Selbstverständlich passend zum Tag ein Tatort aus Österreich mit den hervorragenden österreichischen Schauspielern Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser.

Tja, und so kommt es dann, auch dank tollen Beschreibung der Via Sacra von Hubert Mayer es am Ende des Abends hieß: „Österreich, ich komme gerne auf dich zurück!“ Urlaub mit Wein zu verbinden gefällt mir, ganz ehrlich. Wahrscheinlich ist es auch die beste Trauma-Therapie.

2 Replies to “Österreich kann mehr”

  1. Ja servus – herzlichen Dank für die Erwähnung und das damit verbundene Lob! Und Zweigelt ist meist eine gute Wahl, nehme grade auch von Kaprun eine Flasche mit nach Hause :-)

    1. Gerne doch. Der Bericht motiviert wirklich zum wandern in Österreich. Wobei vermutlich der Herbst auch dort für mich die schönste Jahreszeit ist.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren