Die Alte Schule: Happy Birthday Türke!

Die Alte Schule: Happy Birthday Türke!

Im Frühjahr 2011 erlebte ich Jakob Arjouni auf der lit.cologne, als er aus seinem damals neuen Buch „Cherryman jagt Mister White“ las. Zwei Jahre später starb Arjouni, es war ihm nicht mal vergönnt, 50 Jahre alt zu werden.

By: Matthias RippCC BY 2.0

Für mich war Arjouni stets ein Autor von dem ich zwar wusste, dennoch aber keines seiner Bücher zur Hand nahm. Dabei kannte ich sogar sein Erstlingswerk, „Happy Birthday Türke!“ — zumindest vom Cover her, denn Anfang der 90er Jahre las ein guter Freund von mir diesen Krimi. Das schwarz-gelbe Diogenes-Cover prägte sich ein, ebenso wie der Titel des Buches. Aber es war halt ein Krimi und damit so gar nicht mein Genre.

Die Jahre vergingen, selbst die Lesung war für mich noch kein Anlass, den ersten Krimi von Jakob Arjouni zu lesen. Mittlerweile war ich zwar nicht nur zum Krimi-Leser, sondern auch Krimi-Autor (wenn man meine bescheidene Schreiberei so werten darf) geworden. Zu Kemal Kayankaya, so die Hauptfigur aus „Happy Birthday Türke!„, fand ich dennoch nicht. Diesmal lag es weniger am Genre denn an der Tatsache, dass ich kein Fan von privaten Ermittlern bin (war) — insbesondere, wenn der Krimi in Deutschland spielt.

Und dann kam der Sommer 2014, der nicht nur keiner war, sondern mich auch vor eine Entscheidung stellte. Privatdetektiv erscheint mir mittlerweile für meine eigene Krimis eine Option zu sein, mit der ich einige der Probleme lösen könnte. So kam es dann, dass mir wieder „Happy Birthday Türke!“ einfiel. Ganz bewusst nahm ich mir den Krimi in den letzten Tagen vor. Für mich fühlte sich das wie eine Zeitreise in die Vergangenheit an, denn es ist einer der ersten Krimis, die ich lese, welcher nicht in den letzten 20 Jahren geschrieben wurde. Leider merkt man „Happy Birthday Türke!“ sein Alter an — und auch die Spuren eines Erstlings, den ein junger Autor schrieb, lassen sich nicht leugnen.

Es summte unerträglich. Immer wieder schlug meine Hand zu, doch sie zielte schlecht. Ohr, Nase, Mund – unerbittlich griff sie alles an. Ich drehte mich weg, drehte mich wieder zurück. Keine Chance. Mörderisch.
aus: „Happy Birthday Türke!“ von Jakob Arjouni

Mit so einem Buchanfang lockt man heutzutage keinen mehr hinter dem Ofen hervor. Ich-Perspektive, auch nicht unbedingt der letzte Schrei. Könnte man aber alles noch so stehen lassen. Gelesen habe ich den Krimi hauptsächlich um zu lernen, daher hielt ich auch tapfer bis zum Ende durch. Auch wenn ich dem Ermittler selber als Figur einiges an Sympathie entgegen bringen, gefallen hat mir der Krimi so gar nicht. Hauptsächlich liegt das an seinem Aufbau.

Am Anfang gibt er sich hard-boiled. Kemal Kayankaya steckt viel ein, wirbelt viel auf und verwirrt vor allem den Leser. Dann, im letzten Drittel, läuft alles wie am Schnürchen bei den Ermittlungen. Man staunt, mit welchen Maschen der Privatdetektiv durchkommt — Unglaubwürdigkeit ist hier eines der Probleme. Die Krönung ist letztendlich jedoch die Auflösung und der Schluss. Für die Auflösung hat sich Arjouni bei Agatha Christie und anderen klassischen Krimi Autoren bedient. Die Verdächtigen sitzen alle in einem Raum, während der Ermittler doziert und zur Schlussfolgerung kommt und den (beziehungsweise die) Täter präsentiert. Samt Motiv. Für den Leser bestand vorher keine Chance, selber auf die Spur zu kommen. Tja, und ohne zu viel zu verraten, ganz am Ende lässt Kayankaya den wahren Mörder davon kommen.

Nein, so was gefällt mir nicht. Meiner Vermutung nach würde Arjouni, würde er 2014 seinen Krimi als Jungautor Verlagen anbieten, haufenweise Absagen bekommen. „Happy Birthday Türke!“ passt einfach nicht mehr in unsere Zeit. Privatermittler wohl schon (ich hoffe es zumindest auch für mich), wie Tabor Süden zeigt. Auch einer Ermittler, mit dem ich mich auseinandersetzen sollte.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren