Der gefühlte Streik

Der gefühlte Streik

Gestern also wieder Streik der GDL. Mehr Geld, weniger Wochenarbeitszeit und Freibier fürs Zugpersonal. Gut, das letzte ist jetzt gelogen, würde mich aber auch nicht wundern. Bei Aussagen wie „Wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legen und ein Kind zeugen, da kommt von Beginn an was Behindertes raus!“ von Claus Weselsky, Vorsitzender der GDL, würde mich es kaum wundern, wenn diese in einem, sagen wir mal, stark alkoholisierten Zustand getroffen worden wäre — nüchtern wäre der Mann nach so einer Aussage untragbar.

ICE in Köln
ICE in Köln

Laut meinem Blog kommen die Streiks der GDL weniger häufig vor als ich spontan vermutet hatte. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, die Spartengewerkschaft streikt jedes Jahr. Natürlich lässt sich nicht ausschließen, dass ich in so manchem Jahr nicht darüber gebloggt habe. Ich schreibe ja auch nicht jedes mal darüber, wenn es regnet. Auffälligerweise taucht das Thema Streik im Zusammenhang mit GDL bei mir in diesem Jahr bereits im Januar auf. Es ging da bei mir um Pofalla und eben die GDL. Genauer Hintergrund unbekannt, kommt halt davon, wenn man so kryptisch schreibt.

Zurück aber zum Streik von gestern. Angekündigt wurde dieser als nur den Güterverkehr betreffende Maßnahme von 18 bis 21 Uhr. Sehr kurzfristig hieß es dann, ja, man bestreike auch den Personenverkehr, S-Bahnen und ICE’s eingeschlossen. Viele Pendler hat das kalt erwischt. Der DB-Personalvorstand Ulrich Weber warf der GDL, wie der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet, eine „grobe Täuschung“ vor. So sehe ich das auch, wobei „grobes Foul“ auch treffend sein würde. Mein Glück ist ein verständnisvoller Arbeitgeber, der mich rechtzeitig in den Feierabend schickte — ansonsten wäre ich wohl auch irgendwo gestrandet, wie zahlreiche anderen Pendler. Das der Unmut der Reisenden bisher keine hohen Wellen geschlagen hat, erstaunt. Ich für meinen Teil würde auch nicht von „Unannehmlichkeiten“ wie Sven Schnitte (NRW-Chef der GDL) sprechen, sondern von „Geiselnahme“. Über die letzten Jahre (siehe oben) hat sich mein Verständnis wirklich erschöpft. Keine andere Gewerkschaft ist so präsent wie die GDL. Noch mehr erstaunt das in Anbetracht ihrer Mitgliederzahlen.

Die Forderung der GDL klingen für andere Arbeitnehmer traumhaft: 5 Prozent mehr Lohn und eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 37 Stunden. Manch anderer träumt bereits vom Paradies. Arbeitest du noch oder bist du schon bei der GDL? Der Streit zwischen den beiden Eisenbahn-Gewerkschaften GDL und EVG ist mir als Bahn-Kunde herzlich egal. Viel relevanter für mich ist, wie viel Arbeitszeit bei mir auf der Strecke bleibt. Der Herbst steht vor der Tür und damit erneut die witterungsbedingten Verspätungen bei der Bahn. Aus den letzten Jahren weiss ich, wie hartnäckig die GDL sein kann. Der Streik von gestern wird daher kein Einzelfall bleiben, weitere werden mit Sicherheit in Kürze folgen. Als Kunde der auf die Bahn angewiesen ist, kann ich nicht die GDL bestreiken. Schön wäre es allerdings.

3 Replies to “Der gefühlte Streik”

  1. Nun, man sollte die GDL nicht dafür verachten, weil sie das tut, was eine Gewerkschaft tun soll, nämlich für ihre Mitglieder zu kämpfen. Vielmehr sollte man sich fragen, warum das große Gewerkschaften wie Ver.Di nicht machen, um für ihre Mitglieder gute Abschlüsse heraus zu holen. Wer von solchen Lohnabschlüssen träumt, der sollte einmal seine Gewerkschaft fragen, wenn er denn Mitglied ist, warum es diese nicht gibt, warum die Gewerkschaften nicht offensiver und kämpferischer auftreten.

    Und ja, Streiks tun weh, sonst hätten sie keinen wirklichen Sinn. Wodurch sollte sich der Druck auf den Arbeitgeber denn sonst entwickeln?

    Hier noch ein Artikel dazu von mir: https://www.freitag.de/autoren/teufel100/das-streikrecht-ist-wichitg

    Und noch ein Artikel zum Thema Streikrecht: http://meinungsschauspieler.de/streikrecht-interview-mit-der-fau-berlin-zur-tarifeinheit/

    1. Grundsätzlich gebe ich dir recht, aber auch nur noch grundsätzlich. Dafür ist die GDL einfach zu speziell mit ihren Forderungen. Auch ihre feindliche Übernahme der EVG ist nichts, was ich unter „Streikrecht“ laufen lassen würde. Die GDL hat, um es auf den Punkt zu bringen, den Bogen überspannt.

  2. Was an den Forderungen ist dir denn zu speziell? Und wenn die GDL eine andere Gewerkschaft übernommen hat, zeigt das nicht eher die Schwäche der anderen Gewerkschaft?

    Ich sage es noch mal, die Gewerkschaften sind dazu da, um für ihre Mitglieder den bestmöglichen Abschluss heraus zu holen. Wenn die Mitglieder nun diese Forderungen haben, dann ist die Gewerkschaft dazu verpflichtet, auch für diese Forderungen zu kämpfen. Wir sind es nur nicht wirklich gewohnt, weil die anderen, die großen Gewerkschaften nicht so kämpfen, weil diese Rücksicht auf die Verbraucher nehmen, was am Ende ihre Forderungen verwässert und was am Ende dazu führt, dass die Abschlüsse dementsprechend gering sind. Die Schwäche der Großen sollte nicht zu einem Vorwurf an die kleinen werden.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren