Toleranz oder der Tanz auf der Nase anderer

Toleranz oder der Tanz auf der Nase anderer

Köln gilt als weltoffene, tolerantes Stadt. Für manche ist Toleranz dabei gleichbedeutend mit der Freiheit von Regeln. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich die erneute Diskussion um den Brüsseler Platz verfolge.

By: SIDE-2CC BY 2.0

Für Nicht-Kölner und andere, denen die Situation vor Ort unbekannt ist, eine kurze Zusammenfassung. In Köln gibt es mehrere öffentliche Plätze, die von Menschen, die gerne feiern und abhängen wollen, für sich in Anspruch genommen werden. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Problematisch wird es jedoch immer dann, wenn dem gegenüber Interessen andere, zum Beispiel Anwohner stehen, die sich durch die Feiernden gestört fühlen. Der Brüsseler Platz in Köln ist so eine Location, wo zwei Gruppen mit eben diesen unterschiedlichen Interessen aufeinanderprallen. Und das erst nicht seit gestern, sondern schon etwas länger. Sobald die Temperaturen draussen steigen, drängelt es sich auf den Platz weit in die Nachtstunden hinein. Mittlerweile bemühen sich Mitarbeiter des Ordnungsamtes darum, durch persönliche Ansprache die Feierenden zu vorgerückte Stunde zum Verlassen des Platzes zu motivieren. Das gelingt leidlich. Gleichzeitig sorgt das für eine ziemliche starke psychische Belastung bei den eingesetzten Mitarbeitern (der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet kürzlich darüber).

Mittlerweile gibt es Pläne der Stadt Köln, auf Stundenbasis Sozialarbeiter einzusetzen, um zwischen Anwohner und Besuchern zu vermitteln. An sich keine schlechte Idee, zumindest wenn man den Erfahrungen die andere Städte damit gemacht haben, Glauben schenken darf. In Köln dagegen macht man sich lustig über diesen Ansatz. Teile des linken Milieus, Grüne, Sozialdemokraten und Hipster, Medienschaffend und viele mehr vertreten eine rechte einfach Position. Wer, wie die Anwohner vom Brüsseler Platz, seine Ruhe haben will, sollte gefälligst aufs Land ziehen. Es gehöre zum besondere Lebensgefühl einer Stadt dazu, dass solche Plätze entsprechen vereinnahmt werden. Ein Grundrecht auf Feiern gibt es nicht, wohl aber eins auf körperliche Unversehrtheit. Das die durch dauernde Lärmbelästigung gerade in der Nacht, wenn man Ruhe und Schlaf finden will, bei den Anwohner des Platzes gefährdet ist, lässt sich kaum von der Hand weisen.

Wer das Problem ausschließlich aus der Sicht der Feiernden sieht, hat leider nur eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung. Wer aus dieser Perspektive auch noch Politik macht, muss sich zurecht als Lobbyist bezeichnen lassen, da er nicht in läge ist, die unterschiedlichen Interessen abzuwägen. Toleranz bedeutet nicht, dass man allen anderen einfach auf der Nase herumtanzen darf oder sollte. Toleranz ist immer auch an gegenseitige Rücksichtnahme gebunden. So wie ich das sehe, wird im Zusammenhang mit dem Brüsseler Platz der Begriff Toleranz gerne als Totschlagargument benutzt. Eine Stadt, die lebenswert sein will, muss Raum für alle Menschen bieten. Platz für Feierende ja, so lange die Spielregeln eingehalten werden. Dazu gehört auch die Ruhezeiten.

Andere etwas an den Hals zu wünschen, gehört sich nicht. Belassen wir es daher mit einer Empfehlung, sich folgende vorzustellen. Man liegt krank im Bett, will sich erholen und draussen vor der Tür stehen rund 1000 Personen, die lautstark Party machen. Gute Besserung!

2 Replies to “Toleranz oder der Tanz auf der Nase anderer”

  1. Ist schon ein bisschen her, dass ich zuletzt da war. Aber was ich da gesehen habe, war schon ein bisschen grenzwertig dumm.

    Irgendwann fing man an, die Leute, die sich bis auf vereinzelte laute Lacher insgesamt ruhig unterhalten haben, vom Platz zu bitten. Lief alles ziemlich reibungslos, man wusste ja, dass das kommt.

    Natürlich standen überall Flaschen rum. Wenn man sie nicht selbst mitnimmt, hat man sich irgendwie angewöhnt, sie neben die Mülleimer oder an den Rand zu stellen, weil sie irgendwann von jemandem eingesammelt werden, der das Pfandgeld besser brauchen kann als man selbst. Das haben sich jedenfalls viele Leute gedacht.

    Der Platz war dann irgendwann annähernd leer und man sollte denken, dass die Anwohner jetzt den Schlaf der Gerechten schlummern dürften.

    Pustekuchen! Um kurz vor eins rückte dann der Reinigungstrupp an. Alle Flaschen wurden in die Mitte der Wege gerollt oder getreten und dann schön laut mit der Rückseite der Besen kaputtgeschlagen. Anschließend kam dann, wir hatten nach ein Uhr und es geht ja hier um die Sicherung der Nachtruhe, ein BESENWAGEN! Die Dinger sind natürlich unheimlich praktisch und nützlich, vor allem, weil es ja jetzt eine Menge selbstproduzierter Scherben gab. Aber sie sind verdammt laut. Völlig egal, denn man kann ja erstmal ne halbe Stunde damit rumfahren. Besenwagen. Nachts. Kopf -> Tischplatte.

    Man sollte am Brüsseler Platz einiges überdenken.

    Was mich ernsthaft interessiert ist aber, seit wann der Platz bis in die Nacht so beliebt ist (Ist der Andrang relativ neu oder ist es da seit den 60ern im Sommer voll?) und seit wann die Leute, die sich beschweren, dort wohnen. Einfach nur um das „Ich ziehe über eine Kneipe und klag sie dann ruhig“-Phänomen ausschließen zu können.

    1. Soweit mir bekannt, handelt es sich beim Brüsseler-Platz nicht um das Phänomen, dass die Beschwerdeführer erst kürzlich dorthin gezogen sind. Es sollen viele Altanwohner sein. Die Massen an nächtlichen Besuchern ist erst in den letzten Jahren gekommen.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren