Amazon singt von der Loreley

Amazon singt von der Loreley

Man schwimmt entweder mit dem Strom oder entscheidet sich dafür, in die entgegengesetzt Richtung zu schwimmen. Manchmal gibt es auch welche, da möchte man lieber in der Uferböschung sitzen und dem Treiben weiter unterhalb einfach nur zusehen.

Mir ging es so bei dem zunehmenden Protest auch deutscher Autoren gegen die Marktmacht von Amazon. Und doch bin ich an einen Punkt angelangt, wo ich meine eigenen Gedanken verschriftliche — weil sich raus halten auch keine Lösung ist.

By: Mike PowellCC BY 2.0

Das Thema ist komplexer, als es auf den ersten Blick aussieht. Vor allem scheinen sich zumindest die Autoren in Deutschland in mehre Lager aufzuteilen. So befinden sich in einem davon Autoren, die bei renommierten Verlagen unter Vertrag stehen und sich dem Protest gegen Amazon angeschlossen haben. Daneben gibt es noch die Selfpublisher, die einen ganz anderen Blick auf Amazon haben. Sie stellen sich, vielleicht auch nicht ganz zu Unrecht, auf den Standpunkt, ihre Werke würde schließlich auch im normalen Buchhandel ignoriert — um es mal ganz platt zu formulieren. Das lässt sich nicht von der Hand weisen, ist aus meiner Sicht aber eine Argumentationsweise, die den Kern des Problems nicht erfasst, ihn sogar scheinbar verleugnet. Es geht um viel mehr als nur den Verkauf oder Nicht-Verkauf von Büchern.

Aber gehen wir noch mal einen Schritt zurück. Hintergrund des aktuellen Protestes (der sich nicht etwa gegen die miserablen Arbeitsbedingungen bei Amazon richtet; das wäre wieder ein anderes Thema) ist ein sonderbares Gebaren von Amazon. Bücher werden als Geisel genommen, um bessere Verhandlungsergebnisse zu erzielen. So wurde die Auslieferung von Büchern der Verlagsgruppe Bonnier, zu der Ullstein, Piper, Berlin und Carlsen gehören, verzögert. Amazon will E-Books günstige einkaufen und auf diesem Weg möglicherweise in Deutschland auch niedrigere Preise für E-Books erzwingen. Das hat nicht mit Konsumentenfreundlichkeit zu tun, sondern dient einzig und allein dazu, die Vorherrschaft von Amazon weiter auszubauen.

Amazon ist längst kein Buchhändler mehr, sondern deckt eine ganze Wertschöpfungskette ab, darunter Angebote für Selfpublisher, Print-on-Demand und ein eigenes, wachsendes Verlagsgeschäft. Einen nicht unerheblichen Umsatz dürfte Amazon zudem mit seinen Serverfarmen machen. An nicht wenigen Stellen im Internet läuft bereits Amazon-Technik im Hintergrund. Worum es wirklich geht, ist eine Veränderung. Der Schriftsteller John von Büffel meinte kürzlich, mit Amazon habe man ein Monster geschaffen. Wobei „man“ in diesem Fall wir alle sind, die bei Amazon einkaufen oder eingekauft haben, auch weil es so schön bequem ist.

E-Books, die man bei Amazon kauft, lassen sich ausschließlich auf Geräten oder Apps von Amazon lesen. Amazon hat eine eigenes E-Book Format für sein Kindle-Universum. Gerät man als Kunden in den Verdacht, sein Kundenkonto missbraucht zu haben, nimmt sich Amazon das Recht heraus, dieses zu sperren — womit auch bereits erworbenen Bücher auf dem eigenen Kindle-Gerät nicht mehr aufrufbar sind. Es geht aber noch weiter. Mit Amazon Prime wird dem Kunden eine Abo angeboten, durch das er neben kostenlosen Lieferungen auch Video-Streaming (Amazon Instant Video) und Gratis-Buchausleihe umfasst. Für gerade einmal 49 Euro im Jahr. Das Unternehmen bindet seine Kunden noch fester an sich. Anders gesagt ist eine Umarmung, aus der es sich nur schwer lösen lässt.

Amazon singt uns ein Lied, lockt mit immer neuen Angeboten und Produkten. Und viele von uns wollen nicht den Strudel sehen, der uns in die Tiefen reißen wird. Wie mächtig Amazon bereits ist lässt, zeigt die Kraftprobe des Unternehmens mit Disney. So sollen Vorbestellungen von Disneys DVD-Neuerscheinungen nicht mehr über Amazon möglich sein. Dabei ist Disney ein Konzern mit 166.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 45 Milliarden US-Dollar.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren