Wohlstandsverwahrlost

Wohlstandsverwahrlost

Zu den wohl wichtigsten Dinge, die ich im bisherigen Verlauf meines Lebens gelernt habe, gehört wohl der Zusammenhang zwischen Geld oder Bildung und sozialem Verhalten. Die nüchterne Erkenntnis: es gibt keinen Zusammenhang. Anstand und Benehmen sind keine Frage des Einkommens und hängen genau so wenig vom Bildungsstand ab.

By: epSos .deCC BY 2.0

Es heisst immer so schön, man kann den Menschen nur vor den Kopf sehen. Genau das führt mitunter zu Vorurteilen. Von einem Anzugträger erwartet man bewusst oder zumindest unbewusst ein anderes Verhalten als, sagen wir mal, von einem Punk. Letzteren habe ich aber ein schon mal ein jungen türkischen Mutter einen Kinderwagen die Treppe hochtragen sehen. Zuvor ist an der Frau eine Gruppe Anzugträger einfach vorbei gegangen. Man wollte sich wohl nicht schmutzig machen.

Wenn man wie ich häufig in Zügen unterwegs ist, sorgt dieser Umstand für eine gute Erdung was Mitmenschen angeht. Meine „Lieblingsfraktion“ sind die Anzugträger, die das Verhalten von Alphatieren an den Tag legen. Rücksichtslos wird telefoniert, unabhängig davon, ob man sich in einem Ruheabteil befindet oder nicht. Klar, es kann wirklich mal um Leben oder Tod gehen. Meistens sind es aber eher banale Telefonate, die in einer Lautstärke geführt werden, als wäre man noch in der Mobilfunksteinzeit. Je lauter, desto wichtiger ist man — vermutlich.

In Mode gekommen scheint es auch, seine Beine weit in den Gang auszustrecken, so das sich andere Mitreisende dran vorbeiquetschen müssen. Eigentlich fehlt bei dem Bild nur noch, dass man sich auch noch im Schritt kratzt, während telefoniert wird. Wundern würde mich das nicht.

Die nachfolgenden Generationen kann man in Bezug auf Besserung bereits jetzt abschreiben. In der S-Bahn lässt sich immer häufiger beobachten, wie der gegenüber liegenden Sitz als Fußmatte missbraucht wird. Wie selbstverständlich werden die (dreckigen) Schuhe auf den Sitz gelegt. Mich irritiert dabei lediglich, in welcher Selbstverständlichkeit es quer durch alle sogenannten Bildungsschichten getan wird.

Morgens, auf dem Weg zum Bahnhof in Nippes. Graffiti an den Mauern, selbst auf dem Fußweg. An den Plätzen, wo sich Jugendlich gerne aufhalten, der Müll vom Vortag. Man hat keine Hemmung, dort wo man gerne sitzt, einfach seinen Dreck zurück zu lassen. Bei Tieren würde man sagen, sie wären nicht stubenrein. Die Treppe zum Bahnsteig sieht in der Regel aus wie eine Müllkippe. Und was macht der Reinigungstrupp der Bahn mit dem Unrat auf dem Bahnsteig? Der wird mit einem Hochdruckreiniger einfach ins Gleisbett gespült.

Gestern Abend habe ich mir Wall-E angesehen. Nette Familienunterhaltung. Wobei die Hintergrundgeschichte nicht aus der Luft gegriffen ist. Die Menschheit verlässt die Erde, weil sie ansonsten in ihrem eigenen Müll ersticken würden. Das Aufräumen überlässt man anderen. Traurig, wie viel davon schon Wirklichkeit ist.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren