Der weinende Präsident

Der weinende Präsident

Wer in Deutschland ein Gefühl dafür bekommen möchte, was es bedeutet, ganz unten angekommen zu sein, sollte sich mit Beziehern von Hartz IV so wie Obdachlosen unterhalten.

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Wer dagegen 200.000 Euro Ehrensold pro Jahr bis zum Lebensende erhält, Chauffeur und Büro gestellt bekommt, ist nicht mal gefühlt ganz unten. Der Titel des Buches von Christian Wulf, welches er gestern vorstellte, ist daher mindestens irreführend. „Ganz oben, ganz unten“, nennt Wulff sein Werk. Mit der Lebensrealität des Durchschnittsbürgers dürfte nichts von dem, was darin vorkommt, zu tun haben.

Ganz oben ist formal gemeint, das Staatsoberhaupt ist ganz oben als Repräsentant des Staates, ganz unten fühlte ich mich als ich die Griffe ganz unten in die untersten Schubladen der Bildzeitung erlebte […]
Christian Wulff bei der Vorstellung seines Buches

Mittlerweile fühlt sich Wulff dazwischen, in der Mitte auf dem Weg nach oben. Man benötigt wenig Phantasie, um das auch als Drohung aufzufassen. Es bedarf schon einer gehörigen Portion Chuzpe, den Rücktritt im Nachhinein als falsch zu bezeichnen und zu behaupten, man „wäre auch heute der richtige im Amt“.

Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer SE

Ob Wulff, wie er behauptet, ein guter Bundespräsident gewesen ist, darüber lässt sich streiten. Das er kein guter Autor ist, steht dagegen fest. Sein Buch beginnt mit dem folgenden Bandwurmsatz.

Meine Amtszeit als zehnter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland dauerte vom 30. Juni 2010 bis zum 17. Februar 2012. Das sind 598 Tage, keine zwei Jahre. Die Amtszeit ist durch die 67 Tage am Schluss, als ich mich in einer von der Bild- Zeitung am 12. Dezember 2011 eröffneten, über zwei Monate dauernden Treibjagd zum Rücktritt gezwungen sah, in den Nebel gerückt.
aus: „Ganz oben, ganz unten“ von Christian Wulff

Als Leser hat man da nur ein Bedürfnis: die Lücke in der Buchhandlung sofort wieder aufzufüllen. Sich selber hat Wulff möglicherweise genau so wenig einen Gefallen mit seinem Werk getan wie der Nachwelt. Die wohl beste Anmerkung zum Buch stammt von einem Supermarkt. Mehr als 140 Zeichen bedarf es auch eigentlich nicht, um alles, was zu Titel und Inhalt zu sagen ist, zum Ausdruck zu bringen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren