Hinreichende Motive

Hinreichende Motive

Hinreichende Motive sind etwas im Krimi so etwas wie das Salz in der Suppe. Als Autor konstruiert man ein Verbrechen, einen Mord. Dabei versuchte man in der Regel, dem Tathergang möglichst glaubwürdig erscheinen zulassen, selbst wenn der Mord ziemlich absurd daherkommen kann. Wenn der Täter sein Opfer in einer Regenpfütze ertränkt, dann muss ersichtlich sein, wie das funktionieren kann, denn die handelsübliche Regenpfütze ist nicht hinreichend tief genug, um darin zu ertrinken. Genauso gut könnte es auch sein, dass die “helfende Hand” beim Ertrinken in der Regenpfütze fehlt und das Opfer entsprechend von ganz alleine ertrinkt.

So was ist möglich, wenn die Person unglücklich fällt und vielleicht ziemlich alkoholisiert ist. Vorausgesetzt, der Wasserstand stimmt und Nase und Mund sind mit Flüssigkeit bedeckt, ertrinkt der Mensch in der Pfütze. Bizarr, aber vorstellbar und somit in einem Krimi glaubwürdig. Bleiben wir bei dem Toten in der Regenpfütze — hier ließe sich das noch steigern, wenn er erst am nächsten Morgen gefunden wird. Die Regenpfütze stammte von einem Schauer am Abend eines Sommertages. Die Hitze kehrt am Morgen wieder zurück, das Wasser der Pfütze ist mittlerweile verdunstet. Viele von uns kennen sicher diesen Klassiker unter den Krimi-Rätseln. Hier geht es in erster Linie darum, wie die Person auf dem Asphalt zu Tode kam.

Denken wir uns jetzt wieder den Mörder dazu. Das Opfer war nicht betrunken, sondern würde mit Gewalt in die Pfütze gedrückt, bis es schließlich ertrank. Neben dem Wie bekommt jetzt das Warum ein Gewicht. Der Leser will wissen, warum das Opfer getötet wurde, vielleicht auch, warum es ausgerechnet in einer Regenpfütze sterben musste. Der Mörder benötigt also ein entsprechendes Motiv für seine Tat. Billig wäre es zu behaupten, er wäre ein Auftragskiller. Dann hätte er getötet, weil es sein “Job” ist, beziehungsweise war. Allerdings steht hinter so einem Auftragskiller auch immer ein Auftraggeber und spätestens der benötigt im Krimi ein anständiges Motiv. Vergessen wir daher den Auftragskiller und verkürzen den Weg vom Opfer zu Täter. Damit muss der Mörder in eine Beziehung zum Opfer gesetzt werden, damit ein Motiv möglich ist. Es sei denn, Täter und späteres Opfer wären sich zufällig begegnet. Für einen Krimi ist das jedoch ausgeschlossen, da es keinen Zufall gibt. Alles ist durch den Autor vorherbestimmt und sollte nicht aus Zufall sondern aus einem Grund geschehen, der relevant für die Handlung ist. Und dieser Grund führt uns eben wieder zum Motiv.

Der Mörder muss mehr als nur ein Motiv haben. Es muss ein glaubwürdiges Motiv sein. Nehmen wir mal an, das Opfer ist ein betrogener Ehemann, welches kurz davor stand herauszufinden, dass und mit wem seine Frau eine Affäre hat. Sein Mörder könnte der Liebhaber der Frau sein. An dem Punkt stellt sich für den Autor und später ebenso für den Leser die Frage, warum dann der Ehemann sterben muss. Das was auf dem Spiel steht, muss bedeutend genug sein, damit der Liebhaber dafür einen Mord riskiert. Ein einfaches „er wollte die Erkenntnis des Ehemanns verhindern“ reicht nicht aus. Frauen betrügen Männer und Männer betrügen Frauen, täglich in Deutschland zerbrechen Beziehungen oder landen Ehen vor dem Scheidungsrichter — niemand wird deswegen gleich getötet, weil er von der Affäre seiner Frau erfahren müsste. Und selbst wenn, wäre das für einen Krimi zu mager.

Die Ehefrau und ihr Liebhaber wollten an das Geld oder die Lebensversicherung des Ehegatten kommen. Ein lautes Gähnen, weil das ein altes und langweiliges Motiv wäre. Als Autor benötigt man daher nicht nur ein hinreichendes Motiv, sondern möglichst auch eins, welches den Leser überrascht — weil es neu ist oder aber weil es zwar bekannt, aber neu angewendet wurde. Bleiben wir daher beim Geld. Der Ehemann wurde vom Liebhaber ermordet, weil es im Geld ging. Das wäre möglicherweise ein hinreichendes Motiv, aber erstens langweilig und zweitens fehlt noch der Bezug zur Affäre (es sei denn, die Affäre wäre nur etwas, was vom eigentlichen Motiv ablenken sollte, auch das ist denkbar in einem Krimi).

Folgendes ließe sich konstruieren. Der Ehemann wurde ermordet, weil er kurz davor stand, das Geschäft seines Lebens abzuschließen. Damit wäre die finanziellen Engpässe der letzten Monate von ihm und seiner Frau Vergangenheit gewesen. Allerdings hätte sich seine Frau dann doch noch mal überlegt, ob sie ihren Mann endgültig verlassen würde. Die Affäre ist sie nur deshalb eingegangen, weil ihr Liebhaber ihr mehr bieten konnte. Sie hat sich ihm für Geld verkauft, sozusagen. Selber von ihrer Familie her immer dran gewöhnt, Geld stets zur Verfügung zu haben, konnte sie die Phase der Not nicht mehr ertragen. Die kleine Wohnung, in die sie ziehen mussten, als die Geschäfte ihres Mannes immer schlechter liefen, empfand sie als Gefängnis, aus dem sie flüchten musste.

Das ließe sich weiter ausbauen, bis dann nachvollziehbar wird, wie es zur Affäre kam. Der Liebhaber auf der anderen Seite hatte endlich die Frau gefunden, nach der er so lange gesucht hatte. Um sie zu halten, würde er alles tun. Möglicherweise waren der Liebhaber und der Ehemann früher Schulfreunde. Beide verliebten sich in dieselbe Frau (ja, ich weiß, auch so einer dieser Klassiker), schließlich bekam der mit dem meisten Geld die Frau. Der Ehemann wurde demnach nicht deshalb ermordet, weil er von der Affäre hätte erfahren können, sondern weil er wieder zu Geld gekommen wäre und seine Frau dann die Affäre von sich aus beendet hätte. Der Liebhaber ging davon aus, dass der Ehemann seiner Frau sogar noch den Seitensprung verziehen hätte. Somit wäre der Liebhaber genau wieder an dem gleichen Punkt wie vor der Affäre. Das wollte er verhindern. Es geht in diesem Mord zwar um Geld, aber anders als erwartet. Das wahre Motiv ist der Besitzanspruch, den der Liebhaber entwickelt hat. Er will die Frau, kein anderer soll sie haben, auch nicht ihr legitimer Ehemann.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren